Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

Christian Petzold u.a.

Redaktionelles - People
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'Ich schreibe im Frühling, um ein bißchen leichter zu sein.'

Intro:

Christian Petzold , 1960, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin
Filmografie: (Buch und Regie): Toter Mann (2001), Die Innere Sicherheit (2000),
Die Beischlafdiebin (1998), Cuba Libre (1996), Pilotinnen (1995)

Interview:

Ihr neuer Film 'Toter Mann' ist, genau wie 'Die innere Sicherheit', geprägt von Melancholie und Ausweglosigkeit. Woher kommt dieser Schwermut?

Ich weiß es nicht. Aber tatsächlich geht es wieder um Leute, die sich reinreiten. Simenon hat dazu einen tollen Gedanken formuliert. Er sagte, in diesem Moment, wo sich die Menschen reingeritten haben, wo der Untergang beginnt, öffnet sich ihr Sinnlichkeitsapparat. Dann können sie wieder lieben, fühlen, schmecken, erinnern.
Das fasziniert mich: diese zwei oder drei Tage des Untergangs, die aber gleichzeitig mit einer kompletten Sinnesöffnung verbunden sind.

Sie leben nicht gerade die fröhliche Leichtigkeit.

Eher nicht. Ich kann zur Zeit nicht anders. Vielleicht ändert sich das mal. Aber ich denke, das hat wirklich mit den Simenon-Geschichten zu, die mich sehr beeindruckt haben. Oder mit Tschechow, der ewig den Untergang beschreibt und damit letzlich alles aufzeigt, was das Leben ausmacht. Vielleicht schreibe ich deshalb im Frühling, um ein bißchen leichter zu sein.

Sie haben mal gesagt, daß ihre Figuren Gespenster sind, die Menschen werden wollen. Kommen solche Menschen in ihrem Leben auch vor?

Das bezog sich auf 'Die innere Sicherheit', aber man könnte es auch für die anderen so Filme andenken.In meinem Leben kommen solche Menschen allerdings nicht vor, obwohl ich feststelle, daß sich in den fertigen Filmen doch eine Menge Autobiografisches verfangen hat. Nicht bewußt, denn ich habe nichts abzuarbeiten oder wegzuschreiben. Eigentlich schreibe ich immer über etwas, was möglichst weit von mir entfernt ist.

Auffällig sind Ihre Dialoge: sie sind sehr natürlich, erklären nicht, nichts wird plattgeredet.

Das muß zum Teil daran liegen, daß ich meine filmische Ausbildung anhand amerikanischer Western gemacht habe. So von 15 bis 24 habe ich viele davon gesehen. Und charakteristisch ist, daß ganz wenig gesprochen wird. Die Beziehungen der Menschen untereinander werden über Handlungen hergestellt - in fast schon gestischen Dialogen. Das habe ich im deutschen Kino immer vermißt. Da hieß es dann: 'Warum bist du so bleich?' 'Weil ich 15 Jahre im Gefängnis war'.

Ist Reduktion Ihr Stilmittel?

Ich kann Überflüssigkeiten nicht leiden. Ich mage es gerne, wenn die Dinge fast abgewandt sind, wenn sich der Zuschauer selber erst einen Bezug dazu erarbeiten muß. Schauspieler, die der Kamera quasi den Rücken zudrehen. Das ist für mich respektvollere Kunst.

Auch respektvoller dem Zuschauer gegenüber?

Ja, auch. Heute sind doch fast alle Filme so, daß ich als Zuschauer nur noch abnicken brauche. Auch Hollywood-Kino ist eigentlich in einer ganz schönen Krise. Da merkt man, daß die Filme voller Musik stecken, jede Einstellung ist Anschaffen-Gehen: da werden 70 Previews gemacht, bis die Zuschauer so reagieren, wie es die Macher vorhergesagt haben. Das ist etwas, was ich absolut ablehne.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Ich habe ein ziemlich hartes Politbüro. Freunde, die nicht gerade sanft sind. Und wenn ich diese Klippe durchschifft habe, dann kann mich nicht mehr so viel umhauen. Dann kann ich auch eine negative Kritik ertragen.

Wie ist es, seinen Film das erste Mal im Kino zu sehen?

Ich versuche, das so weit es geht zu vermeiden. Ich kann meine fertigen Filme nicht sehen. Ich erkenne einfach nicht mehr, weshalb ich den Film gemacht habe. Ich erkenne nur noch, was ich versaut habe. Das ist so ein kalter, sezierender Blick.

Was möchten Sie in Zukunft machen?

Ich drehe jetzt im August den Fernsehfilm 'Wolfsburg' , und nächstes Jahr einen Kinofilm 'Gespenster'.

Und darin geht es wieder um Gespenster, die Menschen werden wollen?

Nein, um Menschen, die Gespenster werden wollen.

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