Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

Detlev Buck

Redaktionelles - People
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'Ohne Disziplin bist du wie Oblomov.'

Intro:

Der Regisseur und Schauspieler Detlev Buck fällt uns nicht unbedingt zuerst ein, wenn wir an Disziplin denken. Dabei ist auch er ein Disziplin-Detlev – nur ein wenig anders eben.

Interview:

Herr Buck, Sie Werbefilmregisseur, Spielfilmregisseur, Autor, Schauspieler, Produzent – sonst noch was?

Ich habe gerade wieder Kamera gemacht und das bringt schon Spaß. Für einen Kurzfilm würde ich mir die Kamera auch zutrauen, aber nicht für einen Langfilm. Außerdem würde ich gern besser schneiden können, aber dadurch, dass sich die Software ständig ändert, kommt man schnell wieder raus.

Machen Sie alles selbst, weil Sie nicht abgeben können?

Ganz im Gegenteil sogar. Ich vertraue anderen. Wenn alle nur darauf warten, dass ich was sage, dann langweile ich mich. Filmemachen ist schließlich ein Prozess und ich bin eher derjenige, der die anderen zum Mitspielen auffordert. So habe ich also immer Menschen um mich rum, die ihre Disziplin besser können als ich und schneller sind. Ich finde, dass man nicht das, was man nicht kann, versuchen sollte zu lernen, sondern das, was man kann, ausbauen sollte.

Sind Sie diszipliniert?

Ja, aber nicht akribisch. Für mich hat Disziplin immer mit Spaß zu tun. Ich könnte nicht Disziplin aus Disziplin machen. Wenn Leute irrsinnig diszipliniert und dabei akribisch sind, dann spüre ich schon einen Krampf. Es gibt Künstler, die Bilder malen und alles sieht so irrsinnig angestrengt aus. Und dann gibt es andere, die rotzen das einfach hin. Das gefällt mir besser. Es geht zwar nie ganz ohne Disziplin, aber man kann sie eben ganz oben hinschreiben, oder weiter hinten.

Für jemanden aus der Filmbranche ist Disziplin weniger wichtig als für einen Bankangestellten.

Nein, das stimmt nicht. Film ist eigentlich sogar wahnsinnig autoritär und darum ist es ganz bemerkenswert, dass sich viele Freaks so einer Diktatur aussetzen. Klar, man hat eine Menge Freiheiten und wenn ich in einer Bank oder einer Anwaltskanzlei arbeiten würde, dann könnte ich nicht so rumlaufen, wie ich es jetzt tue und auch nicht so rumblödeln. Aber bei jedem Film ist doch ein bestimmtes Ziel gesteckt und einer muss da sein, der sagt: So, jetzt Maul halten. Jeder in einem Team weiß, was er tun soll, alles ist abgesteckt, jeder kann sich auf seine Sache konzentrieren und sich da voll aus leben. So gesehen macht Disziplin frei. Ich finde also eine bestimmte Disziplin super, aber dann kann es auch wieder bunt sein. Am liebsten ist mir eine Crew von Verrückten, die, wenn’s drauf ankommt, gut funktioniert.

Sie haben bisher in Ihren Filmen oft Menschen gezeigt, die mit der Disziplin, also mit den allgemeingültigen Regeln, so ihre Probleme haben.

Gesellschaftlich betrachtet sind sie natürlich Disziplinbrecher, aber sie haben ihre eigenen Regeln aufgestellt. Sie haben ihre eigene Disziplin, denn ohne sie ist man doch wie Oblomov und bleibt am besten im Bett.

Ihr neuer Film 'Knallhart' ist Buck-untypisch, ohne den Buckschen Humor, fast eine Milieustudie. Was hat Sie daran gereizt?

Ein junger Mensch, der von A nach B verpflanzt wird, wird mit einer fremden Situation konfrontiert. Im Grunde ist das wie bei 'Männerpension'. Aber ohne den buckschen Humor, weil es ein ganz anderes Genre ist, ein Drama. Der Stoff erfordert eine andere Disziplin. Aber obwohl es ein anderes Genre ist, ist der Film doch gar nicht so unbuckisch, sondern auch hier nehme ich – wie in meinen anderen Filmen auch - nicht etwa eine große Geschichte, wo man gleich sagt: Oh wie genial, sondern setzte jemanden in eine neue Situation, die er nicht kennt, und beobachte, was passiert.

Warum ein Drama? Haben Sie sich verändert?

Ich mochte schon in der Filmhochschulzeit solche Art von Filmen wie zum Beispiel Francois Truffauts 'Sie küssten und sie schlugen ihn'. Aber ich konnte solche Filme nie drehen, weil ich den Stoff nicht hatte. Meine Versuche, selbst zu schreiben, haben mich alle nicht überzeugt. Also habe ich weiter Werbefilme gemacht und gewartet, bis ich den richtigen Stoff hatte.

Und wie kam der Stoff zu Ihnen?

Claus Boje hatte von dem Buch in der Zeitung gelesen, dann haben wir den Roman gelesen und wir mochten ihn. Ich dachte, diese Geschichte hat eine Konsequenz wie ein Schwert. Ich bin dann viel in Berlin Neukölln spazieren gegangen und habe gespürt: In diesem Stadtteil ist einfach Dampf in der Luft. Da hörst du Serbisch, Indisch, Arabisch, Thailändisch, Türkisch, Albanisch – einfach alles.

Bisher spielten Ihre Filme häufig in der Provinz, nun im Brennpunkt des Multikulti-Viertels von Berlin. Gibt es trotzdem Parallelen?

Also bei 'Karniggel' wird ein junger Mensch in die Großstadt versetzt, wo ihm seltsame Dinge passieren, mit denen er nicht klar kommt. In 'Knallhart' wird ein Junge rausgedonnert aus dem behüteten, geordneten Berlin Zehlendorf und kommt nach Berlin Neukölln in ein ganz neues System, wo er mit massiver Gewalt konfrontiert wird. Dagegen muss er sich wehren. Beide Filme erzählen die Geschichte einer nicht-typischen Heldenfigur, die ein Problem hat, das sie behandeln muss.

Ist 'Knallhart' politisch?

Ja klar, aber dabei nicht moralisierend. Was ich zeigen wollte war eine Entwicklung in der Reizschwelle von Jugendlichen heute. Die Gewaltschwelle ist gesunken, gerade bei gefühlsgehemmten Menschen. Es ist nicht mehr der Drogentote am Bahnhof Zoo, der im Focus steht, sondern die Zeitungen sind voll von Geschichten über Leute, die im Bus abgestochen werden, aus irgendeinem Grund zum Krüppel geschlagen oder sonst wie abgemurkst werden. Gewalt ist überall und darum finde ich, dass der Film eine Geschichte erzählt, die einfach wichtig und gerade heute gesellschaftlich relevant ist. Ihre Tochter hat den Hauptdarsteller David Kross entdeckt.

Hat Sie Ihr Talent zum Casten geerbt?

Nein, das war reiner Zufall. Sie spielt an der Schule in einer Theatergruppe und David eben auch. Sie wusste, dass wir einen Hauptdarsteller suchen und so kam David zum Casting.

Sind Sie ein Familienmensch?

Auf gewisse Art und Weise ja. Also natürlich nicht so wie in Bayern, wo die immer alles zusammen machen - da würde ich irre werden. Das liegt bestimmt daran dass ich Einzelkind bin und meinen Freiraum brauche, Dinge allein machen möchte. Außerdem ist meine Familie, sind meine drei Töchter wunderbar autonom. Durch den Alterunterschied - 18, 6 und 4 - sind sie ja eher wie eine Kommune, da kümmert sich eine um die andere. Ein wirklich gutes Team.

Sind alle glücklich damit?

Ja, Sie können ja mal nachfragen. Die sehen jedenfalls nicht Scheiße aus. Mir hat mal jemand gesagt: Wenn eine Frau gut aussieht, ist die Beziehung in Ordnung. Der Gedanke gefällt mir.

Was macht Sie beruflich glücklich?

Wenn ich ein Teil von etwas bin, auf das alle Lust haben. Da habe ich das größte Glücksgefühl. Wenn es allen Spaß bringt und wir gemeinsam sehen, dass es ein guter Film wird und jeder – genau wie ich - das Gefühl hat, seinen Teil dazu beizutragen. Denn wenn nur du derjenige bist, der den tollen Film gemacht hat, hilft das sowieso gar nichts, weil das sofort einsam macht. Das hab ich schon erlebt.

Sie sind ein ziemlich emotionaler Mensch?

Jedenfalls nicht abgestumpft. Wenn man Filme macht, mit Menschen zusammenarbeitet, da kann man doch auch gar nicht abgestumpft sein. Ich bin aber nicht übermäßig emotional, knalle nicht nach oben raus in der Amplitude. Ich hab so eine leicht zeitversetzte Reaktion: Wenn alle aufgeregt sind, bin ich relaxt. Und wenn alle rumjammern, dann schraube ich mich wieder hoch und rufe: Hey, da geht doch noch was. Ich dreh das einfach gern rum.

Bewusst?

Nein, ich weiß nicht, woher das kommt. Mir bringt das einfach mehr Spaß. Wenn alle gleich getaktet sind, dann bin ich eben anders drauf. Nicht, weil ich was Besonderes sein will, sondern weil ich es sonst langweilig finde.

Macht das nicht auch einsam?

Stimmt, aber diese Einsamkeit brauche ich, um zu beobachten. Nur wenn ich ein System wie zum Beispiel ein Set, eine Szenerie, eine Gruppe, von außen betrachte, kann ich genauer beobachten und verändern und damit spielen. Wenn ich hingegen mittendrin bin, dann geht das nicht. Deswegen stehe ich auch nicht gern im Focus, weil ich dann nicht genug Abstand habe. Beobachten ist aber mein Job. So gesehen schaffe ich also Systeme, aus denen ich mich dann wieder herausziehe – das ist es, was mir am meisten Spaß macht.

Und wie sehen Sie das System der Kritikik?

Kritik von Kritikern ist für mich keine Kritik, sondern nur eine falsche Sichtweise. Anders war es zum Beispiel bei der Sneek Preview von 'Knallhart' in Marburg: Ein Haufen Jugendlicher, auch eine Motorrad-Gang, waren da nachts um elf ins Kino gekommen und hatten etwas ganz anderes erwarten als einen deutschen Film. Und obwohl sie erst 25 Minuten lang rumgemault haben, waren sie dann doch sehr still und am Ende ziemlich begeistert. Das war toll und es hat mich gefreut zu sehen, wie diese Leute auf den Film reagiert haben, ganz spontan, ehrlich. Bei Kritikern ist das immer anders, die gehen doch schon in den Film und sagen: Hoho, der Buck, na da wolln wir doch mal sehn'. Die haben meistens schon ihre feste Meinung, die man auch gar nicht rauskriegt. Aber diese jungen Leute wo von 400 vielleicht zwanzig wissen, wer Buck ist, bei denen funktioniert ein Film als Film.

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