Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

Mark Benecke

Redaktionelles - People
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Über die Technik des Leichenlesens, erschienen in QVEST, Ausgabe 'Technik'

Fotos: Oliver Mark

In manchen Morden steckt der Wurm.

Enthomologen erforschen Insekten. Wenn es krabbelt und kriecht, kreucht und fleucht, dann sind sie in ihrem Element. Seit den 70 er Jahren werden die Erkenntnisse dieser Wissenschaft auch für die Aufklärung von Morden genutzt. Denn ein Leichnam kann unter den Augen eines forensischen Enthomologen erstaunlich 'gesprächig' werden. Was Larven, Maden oder Käfer ihm erzählen, hat schon so manchen Täter hinter Gitter gebracht.

In der Nacht des 7. August 1982 erwachte ein Detective des Such- und Rettungstrupps von Ventura County in Kalifornien vor Schmerzen. Er entdeckte zahlreiche etwa drei Millimeter große, rote Stichwunden an seinem Körper . Die Milbenstiche des Detectives lösten einen Mord, der sich kilometerweit entfernt an einem Steilhang zwischen Eukalyptusbäumen und wildem Hafer zugetragen hatte. Dort hatte der Polizist zwei Tage zuvor die Leiche einer jungen Frau gefunden; ein Sexualvergehen schien möglich. Als die Ermittler einen Tatverdächtigen verhafteten, hatte dieser dieselben Stiche an denselben Körperteilen wie die gesamte Tatortmannschaft.

Ein Entomologenteam bewies, dass es sich um eine spezielle Milbenart handelte, deren Bisse sich in einmaliger und dadurch besonders verräterischen Weise verhalten.

Unendlich wertvolle Erkenntnisse über den Verlauf der Verwesung eines menschlichen Körpers kommen aus Knoxville/Tennessee. Auf dem Gelände der Universität befindet sich das Mekka aller an Verwesung und Fäulnis Interessierten: die sogenannte 'Body Farm', die der Anthropologen William Bass 1980 gründete. ‚Dort liegen - verstreut auf über einem Hektar Land - regelmäßig etwa dreißig Leichen in unterschiedlichen Zersetzungsstadien. Sie stecken in Säcken oder hängen an Gerüsten, sie sind nackt oder bekleidet, enthauptet oder verwundet, liegen im Wasser oder im Schlamm, in Särgen, unter Plastikfolien oder in der prallen Sonne.

Es ist eine morbide Mischung aus beschaulicher Waldidylle und der Szenerie eines Gewaltverbrechens, auf der nahezu das gesamte Wissen der forensischen Enthomologie basiert. Wer hierher kommt, interessiert sich für eine makabere Wissenschaft von unschätzbarem Wert. Sie beobachtet menschliches Fleisch dabei, wie es verrottet. Und das geht so: Schmeißfliegen sind praktisch sofort 'vor Ort', denn ein Körper verströmt schon wenige Minuten nach dem Tod einen für sie unwiderstehlichen Duft. Sie kommen und legen ihre Eier in Wunden oder Körperöffnungen. Wenn die Maden schlüpfen, ernähren sie sich von dem Gewebe, in das sie hineingeboren wurden, und durchlaufen dann alle Stadien des Fliege- bzw. Käferwerdens. Diese Stadien werden von den Etomologen dokumentiert. Je nachdem, in welchem Stadium die Tiere auf der Leiche festgestellt werden, lässt sich das Alter bestimmen und damit die Leichenliegezeit ermitteln. Hinzu kommt, dass verschiedene Insektenarten unterschiedliche Zersetzungsstadien der Leiche bevorzugen. Auch das hilft der Ermittlung des Todeszeitpunktes. Und der ist - da kann man jeden Ermittler fragen - entscheidend, um einen Mörder zu überführen. So gelang es in einem spektakulären Fall dem Kölner Entomologe und Forensiker Dr. Mark Benecke (33) im Jahre 1997, einen Pastor als Mörder zu überführen. Anhand von drei Schmeißfliegenmaden und einer Ameise bewies Benecke, dass Pastor Klaus Geyer seine eigene Frau umgebracht hatte. Der Fall machte Benecke berühmt, mittlerweile ist er der einzige vom Gericht bestellte und vereidigte Gutachter für biologische Forensik und einer der wenigen Fachleuten dieser Wissenschaft weltweit.
Auch in einem anderen, traurigen Fall lieferte er den entscheidenden Beweis: im Juli 2000 wurde die Leiche eines zwei Jahre alten Jungen in einer Wohnung gefunden. Neben der Mutter, einer 20-jährigen drogenabhängigen Prostituierten, stand auch das Sozialamt als Mitschuldiger im Visier der Ermittler. Benecke fand bei seinen Untersuchungen heraus, dass das Kinde nicht - wie behauptet - innerhalb weniger Stunden gestorben war, sondern erst nach 7 bis 14 Tagen. Der Beweis: Der Windelbereich des Kindes war stark besiedelt von Tieren, die sich nicht von Leichengewebe ernähren. Zudem waren sie deutlich älter als jene Tiere, die später bei der Kindesleiche den Gesichtsbereich besiedelten. Aus der Dauer der unterschiedlichen Besiedlungen ließ sich errechnen, wie lange das Kind lebend und allein in der Wohnung gewesen war und dass es noch lange hätte gerettet werden können. Die Beamten trugen also eine klare Mitschuld. Dies war der erste Fall, in dem anhand von Insekten der Straftatbestand der Vernachlässigung vor dem Tod nachgewiesen werden konnte.


'Ich ekel mich vor Leberwurst'

Intro:

Manchmal liegen Faszination und Ekel nah beieinander. So wie im Fall von Mark Benecke (33). Als forensischer Biologe beherrscht er die Technik, anhand des Insektenbefalls und dem Verwesungsgrad einer Leiche Aussagen über den Todeszeitpunkt zu machen. So hat er zur Lösung vieler Mordfälle beigetragen. Wie ist so einer, der im Dunste der Fäulnis die Resultate menschlicher Grausamkeit unter die Lupe nimmt, der Maden, Fliegen und den Tod in sein Leben integriert hat und den man 'Doktor Schmeißfliege' nennt? Wir finden: sehr normal und sehr sympathisch.

Interview:

Als Kriminologe, Biologe und weltweit gefragter Fachmann für Forensik beschäftigen Sie sich mit dem 'Lebensraum' Leiche. Was genau tun Sie?

Ich untersuche die Insekten - Maden, Käfer, Fliegen - die sich auf einer Leiche angesiedelt haben. Aus der Größe und dem Entwicklungsstadium der Tiere kann ich darauf schließen, wie lange sie schon auf der Leiche gelebt haben. Das gibt mir einen Hinweis auf den Todeszeitpunkt. Ich kann die Jahreszeit bestimmen oder im günstigsten Fall den Todeszeitpunkt bi s auf die Stunde genau eingrenzen.

Fängt ein Mensch nach dem Tod sofort an zu verwesen?

Nennen wir es etwas neuraler: sich zu zersetzen. Ja klar, das beginnt wirklich sofort ein. Das erste, was passiert ist, dass das ATP, welches die Muskeln weich macht, nicht mehr transportiert wird. In dem Moment setzt die Leichenstarre ein. Aber sie werden wieder weich und dann fangen sie an sich zu zersetzen - wie ein altes Koteltt, das wird auch irgendwann weich. Zusatzfaktoren spielen bei deisem Prozess eine entscheidende Rolle über den Verlauf: wie viele Bakterien breiten sich aus? Gibt es Tierfraß, zum Beispiel durch Füchse? Wie stark ist der Zugriff durch Insekten? Ob und wenn ja wie tief liegt der Körper im Wasser? Ein Opfer etwa, das ganz tief im Wasser liegt, löst sich komplett auf und werden nicht durch Gasbildung an die Oberfläche getrieben. Darum hat man bei der Titanic auch keine Leichen mehr gefunden - die hatten sich aufgelöst.

Die Kriminaltechnik ist heute auf einem extrem hohen Standard: Digitalkameras, die Unsichtbares sichtbar machen, Computersysteme, die Millionen von Waffenspuren in Sekunden vergleichen, Blutspurenanalysen, psychologische Phantombilder, der genetische Fingerabdruck - über 95% aller Tötungsdelikte werden aufgeklärt. Kann man heute überhaupt noch den perfekten Mord begehen?

Heute wie damals. Man muss es halt möglichst so machen, dass es total schnell und unerwartet und mit möglichst wenig Planung einhergeht. Je weniger Planung, desto weniger Spuren. Es gibt viele perfekte Morde.

Wie würden Sie den perfekten Mord begehen?

Einen Killer beauftragen und dann kaltblütig genug sein, um keine dummen Fehler zu begehen. Ihm ein Hotelzimmer zu buchen wäre zum Beispiel so eine Dummheit.

Sie zählen zu den berühmtesten Kriminalbiologen der Welt und werden bei den kompliziertesten Fällen zu Rate gezogen. Wie gehen Sie mit Irrtum um?

Irrtum kann man so weit es geht ausschließen, indem man seine Grenzen kennt. Man darf keine Annahmen machen. Wenn ich mich also in einem Fall zu weit mit meinen Annahmen aus dem Fenster lehne und mich irre, hafte ich persönlich dafür, denn ich bin in Deutschland der einzige, der öffentlich bestellt und vereidigt ist für biologische Spuren.

Das klingt, als wenn Sie sich nie richtig sicher sein könnten.

Natürlich nicht. Ich arbeite da draußen mit Leichen - und das sind nicht Zahnräder, wo ich genau den Abstand bemessen könnte. Ich muss immer alle Möglichkeiten mit einbeziehen: schien die Sonne oder schien sie nicht oder nur teilweise? Für jeden dieser Fälle erstelle ich einen Ablauf und da ist es nicht immer möglich, hochpräzise Aussagen zu machen. Ungenauigkeit ist also Teil meiner Arbeit - auch wenn die Irrtumswahrscheinlichkeit für einen gerichtserprobten Sachverständigen gering ist.

Haben Sie sich schon mal richtig geirrt, so dass sie später dachten: der Fall hätte schneller aufgeklärt werden können?

Nein, zum Glück nicht. Weil ich sehr vorsichtig bin. Als Biologe sage ich halt immer: es könnte ja auch anders sein. Aber diesen klassischen Irrtum gibt es bei meiner Arbeit ja sowieso nicht, sondern es geht viel mehr darum, etwas zu übersehen. Und wenn ich etwas übersehen haben sollte, dann weiß ich es ja nicht. Und wenn alle anderen es auch übersehen, kommt es nicht zum Tragen.

Verspüren Sie nicht manchmal einen starken Drang, Dinge zur Aufklärung zu bringen? Sind Sie dadurch schon mal vom Jäger zu Gejagten Ihres Aufklärungswillens geworden?

Auf keinen Fall. An dem Tag, an dem mir das passieren würde, würde ich den Job sofort niederlegen. Das sage ich zu allen Assistenten und Studenten: wer anfängt getrieben zu sein oder das Privatleben einsickern zu lassen ,der muss sofort aufhören. Allein schon, weil man es psychisch nicht verkraftet, ganz abgesehen davon, dass der Prozess der Wahrheitsfindung dadurch eingeschränkt werden kann. Man darf auf keinen Fall die Arbeit an sich herankommen lassen.

Fragen Sie sich nicht manchmal, welches persönliche Schicksal hinter einer Leiche steckt? Interessiert Sie nicht der Mensch?

Nein, niemals. Und wer das macht, der fliegt auch direkt raus. Ein Beispiel: eine Studentin hat sich bei einer harmlosen Wohnungsleiche, die alleine und einsam gestorben ist zwischen Bergen von Pizzakartons und Kippen, vorgestellt, dass diese Frau ihre Mutter ist und hat einen Zusammenbruch erlebt. Die hat natürlich nie wieder mit Leichen gearbeitet.

Dann interessiert es Sie auch nicht, wie 'Ihre' Fälle ausgehen?

Nein, das erfahre ich oft gar nicht. Ich weiß meist nicht, wie sie vor Gericht verhandelt werden. Also es ist so: ich interessiere mich natürlich für Kriminalfälle, aber eben nie für jene, an denen ich arbeite. Da muss man wirklich ganz scharf trennen.

Sie haben viele wenig nette Spitznamen wie 'Maden-Mark' oder 'Kommissar Schmeißfliege'. Macht Ihnen das nichts aus?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich hab schon einen in jedem Land. Und hier an der Uni sagen die Rechtsexperten Wurmi zu mir. Da hab ich aber kein Problem mit. Sie finden das, was ich mache, ekelig, und kompensieren diese Empfindung über Spitznamen. Das finde ich okay. Ich gebe denen außerdem auch Spitznamen. Das ist in unserem Bereich irgendwie wie ein Ventil dafür, dass man an wirklich grauenhaften Sachen arbeitet. Wir sind eine kleine eingeschworene Gemeinschaft, wo jeder vor jedem Respekt hat - also mir machen diese Namen nichts.

Gibt es überhaupt etwas, wovor Sie sich ekeln?

Ja, ich ekel mich vor Spinnen und Leberwurst.

Gehen sie abends nie ohne Krimi ins Bett?

Ich lese absolut keine Romane. Meinen letzten habe ich glaube ich vor 15 Jahren gelesen.

Aber Millionen Menschen lesen mit Spannung die Bücher, die sich um Ihren Beruf drehen. Schmeichelt Ihnen das?

Mir ist das total egal, echt wurscht. Falls das wirklich jemand bewundert - was ich in Frage stelle, weil ich es für Schaulust halte - dann bezieht sich das ja nicht auf mich selbst, sondern auf eine geschaffene Kunstfigur. Die interesssieren sich ja dann nicht für mich. Und im übrigen: wer sich in unserem Gewerbe von so etwas geschmeichelt fühlt, der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, der hat die Welt nicht verstanden.

Was halten Sie von deutschen Kriminologen?

Die sind sehr gut. Das deutsche Poizeisystem - und das sage ich auch immer bei Fortbildungen - ist wirklich ganz weit vorne. Die Deutschen denken ja gerne, dass die Amerikaner vorne wären, aber das stimmt nicht. Kanada und Deutschland sind Länder, von denen ich als Polizist echt viel lernen kann. Die Deutschen wegen ihrer grundsätzlichen Skepsis und Unzufriedenheit. Die sind unheimlich gründlich. Das gilt vor allem für die Techniker des Erkennungsdienstes, also die Spurensicherung. Die lieben es, immer noch weiter herumzutüfteln: was machen wir, wenn die Fingerabdrücke auf einer fettbeschmierten, glatten Oberfläche sind? Denen geht es genau wie mir darum, die Spur zu finden, darzustellen und zu verstehen. Die Deutschen haben eine gute Ausbildung, lassen nicht locker und sie nörgeln den ganzen Tag - so wie es halt alle Beamten machen: über das schlechte Essen, die schlechten Arbeitszeiten, dass sie kein Weihnachtsgeld mehr kriegen. Aber ihre Arbeit ist klasse.

An welchen spektakulären Fällen haben Sie mitgearbeitet?

Für mich sind alle Fälle gleich. Mir ist das egal, ob sie durch die Presse gehen. Klar, je mehr Sex und Crime und Emotionen drinstecken, desto mehr ist die Presse hinterher. Aber das interessiert mich nicht.

Sie haben ganz viel mit den dunklen Seiten des Menschen zu tun. Hat das Ihr Menschenbild beeinflusst?

Ja, es wird klarer. Man sieht vor allem, dass sich die Menschen etwas vormachen, indem sie sich ihre dunklen Seiten oder Leidenschaften nicht eingestehen. Aber auch, dass Freunde oder Angehörige von Tätern oft nicht an dessen Schuld glauben. Die sagen dann: 'Nein, das kann er nicht gewesen sein, der hat immer so leckeren Apfelkuchen gebacken'. Letztlich macht sich doch die ganze Gesellschaft etwas vor. Nicht jeder, der ein Tötungsdelikt begeht, ist automatisch böse. Sehen Sie: vom Kannibale Meiwes zum Beispiel sagt jeder, dass seine Tat am Rande des Vorstellbaren sei. Dabei ist es doch noch kilometerweit vom Rand entfernt! Wirklich am Rand liegen doch ganz andere Sachen: Konzentrationslager zum Beispiel. Aber das empfinden seltsamerweise nur die wenigsten so, weil Konzentrationslager meist eingebunden sind in ein politisches System.

Können Sie noch an das Gute im Menschen glauben?

Die Konturen sind schärfer: sowohl beim Guten als auch beim Schlechten. Ich lasse mich nicht mehr so schnell in die Irre leiten. Was ich jetzt aber extrem sehe, das sind die biblischen Todsünden. Ich finde, sie wurden schon damals ganz gut formuliert. Ich sehe auf einmal, dass das wirklich sieben getrennte Einheiten im Menschen sind.

Sind Sie dadurch abgeklärter?

Nein, denn der Trick ist nicht, abgeklärter zu sein. Ich lasse alles zu, werde vorurteilsloser und kann mir alles vorstellen. Also abgeklärt auf keine Fall, denn sonst könnte ich nicht mehr arbeiten.

Haben Sie Respekt vor intelligenten Tätern?

Absolut nicht. Es gibt nämlich diese hochintelligenten Täter wie zum Beispiel Hannibal Lector gar nicht. Und wenn doch, dann sind sie psychisch so stark verändert, dass sie nicht mehr charmant sind. Das einzige, wovor ich Respekt habe, ist die Wahrheit.

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