Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

Wolfgang Thierse

Redaktionelles - People
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NEON, Rubrik: Na, wie war ich?

'Ich war ein alabasterfarbener kleiner Engel.'

Intro:

Wolfgang Thierse war schon in jungen Jahren ein politischer Mensch - damals noch ohne Bart. Der Bundestagspräsident erzählt aus seiner Jugend.

Interview:

Herr Bundestagspräsident, wie kann man sich den zwanzigjährigen Wolfgang Thierse vorstellen?

Schlanker, erheblich schlanker als heute, bemitleidenswert dünn sogar, und noch ohne Bart. Ein mittelmäßiger Schriftsetzerlehrling, aber ein ziemlich kulturbeflissener, eifriger junger Mann, der in Weimar unablässig ins Theater und zu allen erdenklichen Vorträgen rannte, ständig in Museen war, und der einen ganz besonders großen Bildungs- und Kulturhunger hatte.

Ihr erster Berufswunsch Fleischer.

Stimmt. Das war mein erster Berufswunsch als kleiner Junge. Und vielleicht erklärt sich das schlicht daraus - und jetzt sollten Sie ein bisschen gerührt sein - dass ich in der Nachkriegszeit aufwuchs. Es gab nie genügend zu essen. Auf den wenigen Kinderfotos, die es von mir gibt, war ich fast durchsichtig, ein Strich, ein alabasterfarbener kleiner Engel. Ich wollte damals immer essen und dachte, als Fleischer wäre ich immer an der Quelle.

Sie wurden 1961, zwei Monate nach Beginn des Mauerbaus, 18 Jahre alt. Ein Alter, in dem sich andere nach Außen orientieren. Sie wurden eingemauert.

Das war schon eine schmerzliche und einschneidende Erfahrung. Eingesperrt sein, nicht reisen zu können, vor allem mit diesem stark eingeengten Zukunftshorizont. Und immer der Gedanke: Nun sind wir verraten und verkauft, müssen uns selbst helfen, denn aus dem Westen hilft uns keiner. Wir müssen allein damit klar kommen, wie man in dieser DDR überhaupt leben kann.

Ernste Gedanken für Ihr Alter.

Also offensichtlich muss ich tatsächlich schon als junger Mann vergleichsweise ernsthaft gewirkt haben. In meinem Abiturzeugnis bescheinigte man mir außerordentliche sittliche und moralische Reife. Aber ich war auch ein leidenschaftlicher Diskutierer. Mit erheblicher Ausdauer, hoffentlich mit Witz - und mit Schärfe! Ich konnte gnadenlos andere niederdiskutieren. In diesem Alter ist man ja auch noch etwas arrogant. Heute hat mich eine gewisse Altersreife erreicht.

Schon da steckte der Politiker in Ihnen.

Nicht parteipolitisch, das begann erst 1989, aber politisch war ich von Kindesbeinen an. Das hat mit meinem Vater zu tun - er war Anwalt und in der Ost-CDU - aber auch mit ein paar Grunderfahrungen. Denn wie wird man politisch? Wenn man mit etwas nicht einverstanden ist. Das ist das stärkste Motiv. Und wenn man an der Grenze aufwächst und 500 Meter weiter darf man nicht laufen, dann beginnt man zu fragen: Warum ist das so? Wie kann man das ändern? Mit wem zusammen kann man das ändern? Das sind die politischen Fragen. Und insofern war ich immer sehr politisch, neugierig, so wie sich das für einen jungen Menschen gehört.

1964 kamen sie zum Studium der Kulturwissenschaft nach Berlin. Konnte man Wolfgang Thierse diskutierend in der Studentenkneipe antreffen?

Nein, eher in der Oper. Das war damals herrlich billig: eine Mark für Studenten. Und dann das Deutsche Theater - es war wunderbar. Die Theatererlebnisse von damals sind bis heute unübertroffen. Das war großes Welttheater, weil es noch nicht unter der Originalitätssucht der Regisseure litt.

Sie studierten in einer Zeit, in der sich die Studenten vor allem im Westen gegen das Establishment auflehnten. Wie war Ihre Haltung dazu?

1968 und auch danach war es so, dass viele Studenten rüber kamen, die sich plötzlich alle linksradikal gebärdeten. Aber ich habe es immer so empfunden, dass sie nur rumschwadroniert haben. Sie hatten sich nur etwas angelesen oder Gedankengut in ein paar Kursen linksradikaler Seminaristen aufgeschnappt. Ich aber hatte Marx und Lenin und all diese 'Klassiker' wirklich gelesen - und hatte ihnen gegenüber einen erheblichen Vorteil. Ich sagte ihnen damals: Da steht aber das und das, dein Argument ist aus diesem und jenem Grund falsch. Es war schon eine spannende Zeit.

Eine wilde Zeit?
Nein, so wild war das in Ostberlin nicht. Die DDR war in den Sechziger Jahren ein kleinbürgerliches, enges Land.
Haben sie sich als geistige Elite oder als Vordenker gefühlt?

Gar nicht. Nur mit der Lust und der Leidenschaft, mich zu unterscheiden von dem, was die SED und die DDR ausgemacht haben.

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