Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

Abu Dhabi

Redaktionelles - Reportage
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Wüste Träume

Intro:

Die Scheichs von Abu Dhabi renovieren ihr Emirat: Neue Landschaft, neue Häuser, neue Menschen, nichts davon unter 5-Sterne-Deluxe-Niveau. Warum? Weil sie's können.

Text:

Bescheidenheit, im Rest der Welt eher eine Tugend, zählt in Abu Dhabi nicht sehr viel. Das reichste Emirat am Golf zeigt Nachbar Dubai die Stirn und investiert in Luxustourismus. Ohne aufs Geld zu achten holt sich das Land Architekten, Designer, Ingenieure, Landschaftsbauer, Immobilienmakler, die es neu erschaffen sollen. Als der Gründer der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Zayed, vor über dreißig Jahren begann, sein Land zu begrünen, wollte er sein Volk durch das Kultivieren von Pflanzen sesshaft machen. 'Give me cultivation, and I give you cvilisation' war sein Credo. Das klappte. Grün allein aber reicht heute nicht mehr, Zayeds Nachfolger haben eine neue Vision: Abu Dhabi soll ein Touristenparadies werden.
Gigantische Projekte sind geplant, alles grösser, besser, schillernder als in Dubai: Schon bald werden im Arabischen Golf Mangrovenwälder gedeihen, vegetationsfreie Sandinseln sich in begehrenswerte Paradiese verwandeln und drei Millionen luxushungrige Urlauber durch artifizielle Lagunenstädte schlendern oder in den klimatisierten Hallen der Edelhotels und Malls der feuchten Hitze entfliehen, während die Einheimischen in Privatjet oder mit der Yacht ins Zentrum pendeln. Abu Dhabis Ölquellen reichen noch 130 Jahre, das erlaubt Gelassenheit in der Planung.
Die Nachfrage nach dem neuen Abu Dhabi ist groß, kein Wunder, denn die Einheimischen sind reich und ihr Bedürfnis nach Schatten und Grün ist nachvollziehbar: Die Hälfte des Jahres herrschen über 40° Celsius und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit.
'Die Scheichs haben eine Vision von unserem Land, und wir sind die Werkzeuge, um sie zu realisieren' erklärt Oussama Rifahi, Mitarbeiter der Tourismusbehörde, die vor eineinhalb Jahren gegründet wurde. Er hat auch Gründe, warum der Plan vom neuen Land perfekt ist: Weil das angestrebte Wachstum nur bei 10 Prozent jährlich liege, sei es verträglich für Infrastruktur, Bevölkerung, Dienstleistungsbereiche und Baubranche.
Für die anspruchsvollen Besucher aus Europa, Asien, Nordamerika werden Kulturund Erholungsangebote entwickelt, die geplanten Ressorts und Hotels liegen alle im Vier- bis Fünf-Sterne-Bereich. 'Was wir hier machen ist einmalig und für Europa undenkbar' sagt Oussama stolz. Nirgendwo könne man über solche Ressourcen wie ein ganzes Land mit 200 Inseln und 600 Kilometern Küste verfügen - und vor allem über ausreichend Geld, um alles praktisch aus dem Nichts, aus dem Wüstensand heraus zu realisieren.
Es scheint, als ob jeder im Land den Tourismus nach vorne bringen möchte. Hand in Hand wird geplant, entwickelt, gebaut. Der Slogan einer der großen Immobilienentwickler fasst zusammen, was alle empfinden: 'We build the country' heißt es auf riesigen Plakaten überall in der Stadt.
Parallel dazu läuft der Ausbau der frisch gegründeten Airline Etihad, einer der schnellstwachsenden Fluglinien weltweit. Bis 2010 will man das Streckennetz auf siebzig Ziele ausweiten, zu den bisher neun Flugzeugen sollen einundvierzig hinzukommen.
Mit einem weltweit bestaunten Mammutprojekt hat Abu Dhabi vor einem Jahr erstmals auf sich aufmerksam gemacht: Das Emirates Palace ist ein Luxushotel, gleichzeitig Wahrzeichen und bisher einzige echte Sehenswürdigkeit des Landes. Es gilt als das derzeit grösste und spektakulärste Hotel der Welt. Die Front ist über einen Kilometer lang, insgesamt misst das Hotel 243.000 Quadratmeter. Wer es morgens eilig hat, sollte den Weg zum Frühstück mit einplanen. 110.000 Kubikmeter Marmor aus Italien, Spanien, China und Indien wurden verbaut, Tonnen von Blattgold zieren Wände, Säulen und Geländer, Mosaiken schmücken die 114 Kuppeln und 1002 Swarowski-Leuchter setzen den Palast ins rechte Licht, der Größte im Ballsaal ist dreieinhalb Meter breit und eineinhalb Meter hoch. Dass nur das teuerste Kristall verwendet wurde, versteht sich von selbst. Es ist ein Prunk, der wohl eher dem arabischen als dem europäischen Geschmack entspricht, aber doch beeindruckt er, weil er sagt: Geld spielt keine Rolle.
Rumyanka Tsolova ist Marketing-Managerin im Palast. Die quirlige Bulgarin begrüßt zeitgleich ein deutsches Filmteam, geht rüber zum Botschafter von Mali und gibt noch schnell per Handy Anweisung, wie Saudi Arabiens berühmtester Musiker am Abend zu empfangen sei. Seit Eröffnung trifft sich im Emirates Palace das internationale Business, fünfzig Prozent des Umsatzes kommen aus Kongressen und Veranstaltungen. Am Abend wird die afrikanische Delegation in farbenprächtiger Abendrobe zum Buffet im Hotelpark schlendern und sich über Zebrasteaks in den Rechauds freuen. Die 170 Küchenchefs des Hotels beherrschen die internationalen Speisekarten.
Tsolova führt durchs Haus und erklärt geduldig, was sie schon hundertmal erklärt hat, weist auf die Größe des Auditoriums hin, erzählt die Anekdote von dem Touristen, der nach dem Toilettengang seine Reisegruppe nicht wieder fand und deshalb allein mit dem Taxi zurück fuhr.
Tsolovas Freunde in Sofia denken immer noch, dass sie in Dubai arbeitet. 'Abu Dhabi kennen die einfach nicht.' Was Tsolova belustigt feststellt, ist den Scheichs der berühmte Dorn im Auge und für ihren Chef, den Hoteldirektor Stephan Kaminski eine klare Sache: ' Der Konkurrenzkampf zwischen den beiden Emiraten existiert, logisch' verrät der Deutsche. 'Aber es ist ein gesunder Wettbewerb. Man schaut sich hier genau an, was in Dubai passiert und macht ein gesundes Entwicklungskonzept, wo Ausbildung, Immobilien, Investitionen parallel laufen - das ist in Dubai anders.' Wenn dort einmal tatsächlich alle der im Bau befindlichen 500.000 Wohnungen und Hotelzimmer bewohnt sein sollten, wird der Verkehr vollends zusammenbrechen. Die Staus in Dubai sind schon jetzt legendär. Dubai und Abu Dhabi, Las Vegas und Baden Baden. 'Hier in Abu Dhabi will keiner das Laute, das Geschrei' weiß Kaminski, 'hier sind Stil und Qualität gefragt - und das werden sie kontinuierlich erreichen. In zwanzig Jahren, wenn Dubai das Öl ausgegangen ist, werden die alle rüberkommen, um hier zu tanken.' Die Aufbruchstimmung ist überall sichtbar, der Kampf gegen die Natur läuft. Auf riesigen Arealen entstehen neue Wohnsiedlungen, die irgendwann von üppiger Vegetation beschattet sein werden. Abrissbirnen machen sich über die Bausünden früherer Jahre her und draußen in der Wüste entstehen die ersten Luxusressorts, die mit 'sandfreien Swimmingpools' locken.
Bis auf den Zauber von Arabien ist in Abu Dhabi bald alles zu finden.




Separate Protokolle zu den drei Deutschen mit Portraits:

Zeile: Und was machen die Deutschen hier?

Stephan Kaminiski (43), Hoteldirektor des Emirates Palace

'Das Emirates Palace ist schon ein gewaltiger Luxus, aber auch ein Meisterwerk, das viele Menschen anzieht. Ich finde es normal, dass so etwas entsteht, schließlich sind wir hier in einem der reichsten Länder der Welt, und wenn die Scheichs international mitspielen wollen, müssen sie eine Plattform bieten, auf der sich die Welt zuhause fühlt. Mit diesem Luxushotel der Superlative haben sie einen ersten Schritt gemacht. Hier käme doch keiner hin, wenn er im Zelt wohnen müsste und ihm nachts die Skorpione am Ohr vorbeiwatschelten.
Der Überfluss macht natürlich erstmal sprachlos. Für mich ist er normal geworden: Ich bin neunzig Prozent meiner Zeit hier, wohne im Hotel, der Arbeitgeber will es so. Selbst wenn ich frei habe, muss ich mich ordentlich anziehen. In Jogginghose über den Flur zu laufen geht nicht, ich habe also immer Anzug und Hemd an, und wenn ich keine Krawatte trage, dann ist das schon eine Sternstunde, Luxus sozusagen. Aber ich beschwere mich nicht! Es ist großartig, hier zu sein, spannend, weil so viel los ist. Das ist besser als in Deutschland, wo man sich ständig fragt, ob überhaupt noch etwas passiert.'

Enno Maass (35), Architekt, Gerkan, Marck & Partner/Abu Dhabi

'Verglichen mit Abu Dhabi vor dreißig Jahren ist heute natürlich alles hier Luxus. Vor allem im Zwischenmenschlichen: Der Umgang miteinander ist so freundlich, es wird großen Wert darauf gelegt, gemeinsam zu sitzen und zu essen. Respekt, Gastfreundschaft, Humor - das ist für mich Lebensluxus. Die Menschen sind aber nicht alle von Natur aus furchtbar reich, wie man sich das immer vorstellt. Nur durch die Unterstützung des Staates können sie so wohlhabend leben. Sie zahlen keine Steuern, Haus oder ein Stück Land wird gestellt, Ausbildung und Gesundheitswesen kosten nichts. Strom, Wasser, Energie sind billig. Die Leute können alles Verdiente ins Vermögen stecken und nicht - wie bei uns - ins Abzahlen von Grundbedürfnissen.
Die Herrscherfamilie hat eine starke Infrastruktur geschaffen, die ihr Volk über Generationen hinweg versorgen und unabhängig machen wird. Sie leisten sich den Luxus, eine grüne und angenehme Umwelt zu schaffen. Das Geld dazu ist da, und alles muss sich nicht gleich am nächsten Tag rechnen. Ich glaube, das alles ist nicht nur rein geschäftlich, sondern kommt aus einem tiefen zwischenmenschlichen Bedürfnis heraus.'

Thomas Gusenburger,(40), Landschaftsarchitekt, Neumann & Gusenburger/Berlin

'Es ist eine große Herausforderung, die Wüste zum Blühen zu bringen. Die Aufgabe, einen ganzen Stadtteil zu begrünen, ist wirklicher Luxus, weil es solche Möglichkeiten nur sehr selten gibt, in Europa schon gar nicht: Dreißig Quadratkilometer Wüste, dazu extreme klimatische Bedingungen und keine gärtnerischen Traditionen, auf die man zurückgreifen könnte, weil die Eltern jener Leute, mit denen wir zusammenarbeiten, noch in Zelten gelebt haben. Der grösste Luxus aber ist das Wasser. Ohne Wasser könnte es nicht so grün und frisch aussehen, darüber ist man sich vollkommen bewusst. Alle Möglichkeiten der Wassergewinnung werden ausgeschöpft: Meerwasserentsalzungsanlagen, LKWTransporte über hunderte von Kilometern aus dem Landesinneren, Aufbereitung von Brauchwasser. Trotzdem wird der Wasserpreis stark steigen. Mittelfristig wird Wasser so teuer sein wie Öl.'

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