Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

Krisenreaktionszentrum

Redaktionelles - Reportage
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Copy: Iris Rodriguez
Fotos: Oliver Mark

Diplomaten zwischen Krieg und Frieden.

Intro:

Flugzeuge fallen vom Himmel, die Erde bebt, Urlauber werden aus Hotelzimmern und Jeeps entführt oder beim Sightseeing in die Luft gesprengt - wenn das Schicksal die Karten mischt, kann es jeden treffen. Denn die Welt ist kleiner und gefährlicher geworden und das Wort 'Krise' gehört schon fast zum täglichen Vokabular.
Im Auswärtigen Amt gibt es Leute, die auf alle Arten von Ernstfällen vorbereitet sind und die genau wissen, was wann zu tun ist.

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Tokio, Hotel Nikko. Sirenen, Geschrei, Befehle, knallende Türen. Der deutsche Gast aus Braunschweig springt hoch, reißt die Zimmertür auf, sieht Menschen durch den Gang und die Treppen hinunter stürmen. Er schnappt Worte auf wie 'earthquake', 'emergency' und rennt voller Panik um sein Leben. Denn niemand hat ihm gesagt, daß diese Erdbeben-Übungen in Tokio zur Routine gehören.
Aber was, wenn es keine Übung gewesen wäre? Wenn Trümmer ihn schwer verletzt unter sich begraben hätten oder er mit nur leichten Verletzungen und einem Schreck davon gekommen wäre? Es gibt in Deutschland Menschen, die sofort alles in die Wege geleitet hätten, um ihm zu helfen. Denn wann immer auf der Welt etwas geschieht, wo Deutsche in Gefahr sind, handelt das Krisenreaktionszentrum in Berlin.
Im Altbau des Auswärtigen Amtes, wo schon die Reichsbank und das Zentralkommitee ihren Sitz hatten, befinden sich im Tiefgeschoß in den ehemaligen Tresoranlagen die Räume des Krisenreaktonszentrums. Gigantische stählerne Fensterläden machten damals aus diesen Räumen einen uneinnehmbaren Panzerschrank. 'Krise' nimmt man diesem Ort sofort ab. 'Reaktion' erst bei genauerem Hinsehen.
Da sind zum Beispiel bestens ausgestattete Arbeitsplätze, an denen im Krisenfall Spezialisten vom BKA, BND oder BGS sitzen. Ein kleiner Schlafraum und eine Dusche stehen bereit, damit erschöpfte Einsatzkräfte auch mal zur Ruhe kommen können. Ein Beamter vom Dienst hat auf neun Bildschirmen die internationalen Nachrichtensender und damit das Weltgeschehen ständig vor Augen. In einem verglasten Raum sind Telefon-Arbeitsplätze eingerichtet: durchnummeriert und allzeit bereit, im Krisenfall die Anrufe verzweifelter Angehöriger entgegenzunehmen. Und im Konferenzraum schräg gegenüber trifft sich - wenn nötig - der Krisenstab.

Diese Krisenstäbe sind - je nach Art der Krise -unterschiedlich besetzt. 'Wir holen uns immer die Fachleute, die uns mit ihrem Wissen am besten unterstützen können', erklärt Peter Linder, der in jedem Krisenstab neben einem Minister oder Staatssekretär die Verantwortung trägt. Bei humanitären Krisen wie Erdbeben oder Überschwemmungen baut man zum Beispiel eher auf die Hilfe des THW und des Gesundheitsdienstes, während im Fall von Geiselnahmen und Entführungen BKA und BND eingeschaltet werden. Das gleiche gilt für Terroranschläge, bei denen eine größere Zahl Deutscher betroffen sein kann. So geschehen bei den Anschlägen in New York und Djerba. Der terroristische Superlativ 11.September stellte auch für das Krisenzentrum eine bis dahin nicht gekannte Dimension dar. Als sich im Auswärtigen Amt die Nachricht vom Terroranschlag bewahrheitete, war es 15.48 Ortszeit in Berlin. Schon nach wenigen Minuten waren alle freiwilligen Helfer des Telefonpools für Angehörige informiert. Innerhalb der nächsten Stunde standen die Leitungen und mit Bekanntgabe der Telefonnummer begann für die 200 Mitarbeiter ein Marathon von zehn Tagen, in denen sie über 50.000 Anrufe bewältigten. Rund um die Uhr gingen besorgte Anfragen ein, die von 'Mein Mann hatte heute morgen um neun Uhr eine Konferenz im World Trade Center' bis 'Unsere Nachbarn sind mit dem Wohnmobil in Amerika unterwegs' reichten. Diese Menschen wollten Informationen und Hilfe.
Aber anders als etwa beim Absturz eines Flugzeuges, wo sofort über den Reiseveranstalter ermittelt werden kann, welche Gäste an Bord waren, konnten im Fall des World Trade Centers nur langsam Kenntnisse über die Vermissten ermittelt werden. Mitarbeiter des BKA arbeiteten unter Hochdruck daran, mit den amerikanischen Behörden , der dortigen Polizei und den ansässigen Firmen herauszufinden, wer betroffen war.
Währenddessen galt es, verzweifelte, weinende, manchmal ob der Ohnmacht wütende Anrufer zu beruhigen und zu trösten. 'Das ist für unser Team starker psychischer Druck, vierstündige Schichten sind das Äußerste ' weiß der Leiter des Lagezentrums, Peter Linder. 'Unsere Leute haben es nur mit Verzweifelten zu tun. Jeder will eine Antwort von ihnen, die sie aber nicht immer geben können.' Darum werden die Mitarbeiter psychologisch geschult, machen De- Eskalations-Kurse , damit sie in der Lage sind, nach der Schicht das Erlebte abzustreifen. Mit einem schlimmen Erlebnis umzugehen müssen vor allem auch Opfer und deren Angehörige lernen. Darum werden - wo immer ein Unglück geschieht - deutsche Psychologen an den Ort des Geschehens gebracht, um ihren Landsleuten in den schweren Stunden danach zur Seite zu stehen. Denn durch das Erlebte sind sie traumatisiert und brauchen schnell professionelle Hilfe. Das Grauen einer lang andauernden Entführung oder eines Busunglücks stellt einen massiven Einschnitt ins Leben dar. 'Was diese Menschen erlebt haben, geht weit über ihr bisheriges Erfahrungsspektrum hinaus,' erklärt die Diplompsychologin Sibylle Rothkegel, die sich auf die Behandlung schwer traumatisierter Menschen spezialisiert hat. ' Opfer einer Katastrophe haben eine seelische Wunde, die meistens für den Rest des Lebens bleibt. Gerade so unmittelbar nach einer Katastrophe brauchen sie psychologische Betreuung und das Gefühl, dass sie mit ihrem Schmerz nicht allein sind.'

Vorbeugen, Vorsorgen, Vorausschauen heißt deshalb die Devise im Auswärtigen Amt. 'Wir können nicht verhindern, dass etwas passiert, aber wir können dafür sorgen, dass so wenig Leute wie möglich betroffen sind' stellt Peter Linder nüchtern fest.
Doch das ist manchmal leichter gesagt als getan. Denn hört man die stets aktualisierte Reiseempfehlung des Auswärtigen Amtes unter der Telefonnummer 50002000 ab, liegt der Gedanke nicht fern, den nächsten Urlaub vielleicht doch lieber im Sauerland zu verbringen. Nach Kriegsende im Irak konnte man der Ansage entnehmen, dass eine erhöhte Gefahr terroristischer Anschläge im Nahen oder Mittleren Osten, in Ost- und Südostasien, am Horn von Afrika, in Pakistan, Bangladesch, Afghanistan, Australien, Kanada, den USA und den Europäischen Staaten besteht. Insbesondere militärische Einrichtungen, touristische Anlagen ,Sehenswürdigkeiten, öffentliche Gebäude, Flugzeuge, Flughäfen, Brücken, Eisenbahnen, Häfen oder große Menschenansammlungen könnten Angriffspunkte sein.

Aber nicht alle Krisen sind so stark vom Überraschungsmoment geprägt wie Terroranschläge. So gibt es genug Länder, in denen sich die angespannte politi sche Lage schnell zuspitzten kann und dann ist das Auswärtige Amt gut vorbereitet. 'Wenn wir sehen, dass ein Land als krisenanfällig einstuft werden muss, haben wir ein umfangreiches Instrumentarium' sagt Peter Linder. Schon frühzeitig werden Krisenunterstützungsteams ins Land geschickt, um die Botschaftsleute für den Ernstfall fit zu machen: Wie evakuiert man alle Deutschen? Wie verlässt man die Botschaft? Welche Wege sind geeignet?
Sie werden darin geschult, sich in einer gefährlichen Stadt zu sichern und zu bewegen. Praktische Tipps können dabei Leben retten: Pässe kopieren, Bargeld beschaffen, den Tank nie leer fahren, Verpflegung, Wasser, eine Flasche Whiskey , Batterien, Kerzen, Streichhölzer, Diesel im Haus haben - kurz: alles, was es einem in der Krise erlaubt, mal eine Woche zuhause zu bleiben. Denn es gibt Situationen, wo Ausreisen keinen Sinn macht, weil der Flugplatz zu ist, auf der Straße Banden unterwegs sind, die rauben und vergewaltigen. Linder: 'Da sagen wir : bleibt zuhause, macht kein Licht, bewahrt Ruhe, in drei Tagen ist der Spuk vorbei.'

Und sollte es doch einmal so weit kommen , dass eine Botschaft gestürmt werden muss, liegen im Krisenreaktionszentrum zu fast allen Ländern umfangreiche Pläne über das Botschaftsgebäude, die nähere und weitere Umgebung und über unterschiedliche Ausreisemöglichkeiten vor. Jede Information kann dann wichtig sein: Fotos, Baupläne, in welche Richtung die Türen aufgehen, Kenntnisse über das Fassungsvermögen der nächsten Fähre oder den Zustand des Hubschrauberlandeplatzes. Selbstverständlich gibt es zu jedem Plan mindestens eine Alternative - denn der Ernstfall ist von launischer Natur.

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