Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

Schauspielschule

Redaktionelles - Reportage
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Copy und Interviews: Iris Rodriguez
Fotos: Oliver Mark

Hochschulen für Lampenfieber

Intro:

Schauspieler sind Athleten des Herzens und Gefühle sind Muskeln, die sich trainieren lassen, hat Antonine Artaud einmal gesagt. In wem aber steckt diese geheimnisvolle Muskelmasse? Kann man sie entdecken? Und vor allem: wie bringt man sie zum Wachsen? Ein Blick in die beiden Berliner Schauspielschulen gibt Antwort.

Copy:

Es gibt Orte, an denen man lernt, sich auf den Brettern zu bewegen, die die Welt bedeuten. Und die sind manchmal überraschend unspektakulär. So wie die Hochschule für Schauspielkunst 'Ernst Busch' im Ostberliner Stadtteil Schöneweide.
Fünfzig der etwa 2000 Interessierten, die sich jedes Jahr hier bewerben, sitzen jetzt im Foyer. Die Nervosität verschleiert die Luft und wer gerade nicht raucht, raucht mit gelassener Miene mit. Doch die Lockerheit ist aufgesetzt: wer alle Bewerber einmal gesehen haben will, sucht sich am besten einen Platz neben der Toilettentür.
Mädchen sind hier klar in der Überzahl, die meisten zwischen 18 und 20 Jahren alt. Mit der Besetzungssituation an den Theatern hat das wenig zu tun, denn die meisten Stücke sind für Männerrollen geschrieben. Dennoch: wer hier angenommen wird, der braucht sich um eine Anstellung keine Sorgen machen. Die von 'Ernst Busch' kriegen immer einen Job.

Eine kleine Gruppe derer, die es bereits geschafft haben, schlendert durchs Foyer. Alle Augen folgen ihnen. Ist es Ehrfurcht? Oder Neid? Die Abgecheckten checken selbstbewußt zurück. Endlich geht es los. In mehreren kleinen Gruppen folgen die Kandidaten den Dozenten, die in wenigen Minuten auf einer der Probebühnen sehr sorgfältig und 'mit liebevollen Blicken auf sie schauen werden' - wie Professor Klawitter versichert. Und der Schauspieldozent Smigiel fügt hinzu: 'Wenn man Schauspieler werden will, muß man etwas blicken lassen, von sich geben. Das ist der Job. Dazu muß man bereit sein wie der Bäcker bereit ist, morgens um drei aufzustehen und Brötchen zu backen.' So fleht und weint eine große, blonde Elektra, das Käthchen von Heilbronn kommt eigentlich aus Neuss und Lisa hält einen wütenden Dialog als Gudrun Ensslin in der Zelle.
Nachdem auch die anderen acht ihre einstudierten Rollen gespielt haben, ist die erste Runde geschafft. Gab es schon Zeichen dieser geheimnisvollen Muskulatur? Selbst die liebevollsten Augen scheinen noch keine entdeckt zu haben. 'Seine Kraft ist nach innen gekehrt', 'sie spielt gleichmäßig und monoton' oder 'die Figur, wirkt angestrengt' lauten die Urteile. Aber es gibt auch Hoffnung: einige Kandidaten scheinen schlummernde Talente in sich zu bergen. Zweite Runde, zweite Rolle. Einige werden mit den Worten 'Danke, das reicht uns' unterbrochen. Obwohl vorher erklärt wurde, daß dies nichts zu bedeuten habe, sind es dennoch harte Worte für junge Seelen.
Andere werden zur Improvisation ermutigt, sollen zeigen, was sie nicht einstudieren konnten. 'Wir wollen sehen, ob jemand in der Lage ist, auf etwas spontan zu reagieren. Denn diese Spontaneität ist ja wie ein Urimpuls, den ein Schauspieler haben muß,' erklärt Professor Smigiel. Er unterbricht eine, die gerade dabei ist, einen Schuft und Vater ihres ungeborenen Kindes zu erniedrigen. 'Du sagst, Du trinkst aus seiner Gehirnschale, spießt sein Geschlecht auf - dann zeig uns, daß du es wirklich so meinst. Stell Dir vor, daß es noch vor kurzem bei uns in Europa noch Menschen gab, die mit Schädeln Fußball gespielt haben. Und dann meine was Du sagst!'
Sie schreit, sie zetert, aber wirkliche Abscheu nehmen ihr die Professoren nicht ab. Am Ende sind alle aufgewühlt, angespannt, blicken zurück und versuchen sich darauf einzustellen, daß es nicht geklappt haben könnte. Daß sie nicht zur Aufnahmeprüfung im Februar eingeladen werden.
'Was fühlst Du?' 'Angst, abgelehnt zu werden.' Oskar aus Berlin ist zum zweiten Mal hier und wenn er es heute nicht schafft, darf er nicht mehr wiederkommen. Anne aus Bremen hofft, daß sie eine Kritik bekommt, mit der sie arbeiten kann. Die Professoren haben ihre Entscheidung getroffen: heute ist niemand dabei, der weiter kommt. Die Latte hängt hoch. Sehr hoch.

Szenenwechsel. 17 Kilometer weiter westlich an der Universität der Künste. Der Absolventenjahrgang 2002/2003 hat die deutschsprachigen Intendanten zum Vorspiel in den Theatersaal geladen. Denn so, wie die Schauspielausbildung beginnt, so endet sie auch: mit Vorspielen auf der Bühne. Nur daß heute nicht Professoren über die Immatrikulation entscheiden, sondern Intendanten über den Nachwuchs für ihre Theater. Es geht um Zukunft und Arbeitsplatz, Image und Karriere.
Was die sieben Absolventen auf der Bühne zeigen, ist beeindruckend. Ohne Zweifel haben sie in den vergangen vier Jahren gelernt, ihre Gefühlsmuskeln nicht nur zu benutzen, sondern zu beherrschen. Als sie hierher kamen, wollten sie 'alles sein können' oder 'kurze Zeit das Leben eines anderen leben '. Jetzt können sie es.
Nach acht intensiven Semestern Körpertraining und Stimmschulung, Rollen lernen, Spielen und ständiger Verwandlung, Glück und Enttäuschung, Lob und Kritik können sie die unterschiedlichsten Emotionen in sich mobilisieren - nur ein Gefühl läßt sich nie kontrollieren: das Lampenfieber ist immer dabei.

Interview:

Professor Michael Keller, Leiter der Schauspielabteilung an der Hochschule für Schauspielkunst 'Ernst Busch'.

Die Hochschule für Schauspielkunst 'Ernst Busch' hat einen hervorragenden Ruf und große Schauspieler hervorgebracht. Was unterscheidet Ihre Absolventen von anderen Schauspielabsolventen?

Auf den jährlich stattfindenden Schauspieltreffen, bei denen uns regelmäßig erste Preise verliehen werden, ist uns in den Begegnungen mit anderen Teilnehmern aufgefallen, daß die handwerkliche Ausrichtung der Busch-Schüler Anerkennung findet. Ein Handwerk, das beseelt wird, so daß alles, was der Schauspieler tut, nicht aus seinem Kopf oder aus seinem Wissen herauskommt, sondern aus dem Bauch und aus dem Herzen hoch ins Hirn steigt. Das ist der Unterschied.

Und wie wirkt sich das auf den Unterricht aus?

Wir sagen: ein Schauspieler muß erst einmal sein Handwerk beherrschen, bevor er große Gefühle spielen und die ganze Seelenlage einer Figur transparent machen kann. Das heißt, er muß sich seines Körpers und seiner Stimme bewußt sein, denn das sind die wichtigsten Ausdrucksmittel, die er hat als Person hat.
Darum gibt es bei uns das Fach 'Bewegung für Schauspieler', das klar macht, daß das Hauptmaterial eines Schauspielers sein Körper ist, der durch Methoden entwickelt werden kann. Zum Beispiel die Impulsfähigkeit zum Partner, Empfangen, Abgeben - einfach alles, was den Schauspieler in hohem Maße lehrt, sich seines Körpers in jeder Minute seines Bühnendaseins bewußt zu sein. Denn egal was man macht, ob man raucht oder so wie ich jetzt, seine Tasse Kaffee hochnimmt: ich zeige dadurch, wie ich mich hier gerade mit Ihnen fühle und was ich denke und will.

Sie sagten, zum Handwerk gehört auch die Stimme.

Genau, darum machen wir auf dem Gebiet der Sprecherziehung auch nicht nur Stimmbildung, sondern lehren, daß Sprache immer etwas mit dem anderen zu tun hat. Durch Sprache will ich den anderen in mein Denken und Fühlen mit einbeziehen und dessen Gedanken und Gefühle verändern.Bei uns ist das A und O, daß alles was Du machst, etwas mit dem Partner zu tun hat, mit dem, was Theater letzten Endes ausmacht : Beziehungen zwischen Menschen vergleichbar und schaubar zu machen. Und dazu gehört die Fähigkeit des ‚gestischen Sprechens‘.

Was ist schauspielerisches Talent?

Talent allgemein bedeutet: das, was ein anderer denkt und empfindet, sichtbar zu machen. Für uns ist erst einmal jeder talentiert, denn jeder hat einmal gespielt - es ist nur unterschiedlich verschüttet. Und jetzt muß man sehen: wie kriegt man dieses Talent wieder zum Spielen? Denn wenn wir uns erst einmal in die Durchsteher-Kolonne des Erwachsenseins eingereiht haben, haben wir aus vielerlei Gründen auch gelernt, unsere Gefühl zu verbergen. Der Schauspieler muß aber genau das Gegenteil tun: zeigen, was er über den anderen denkt. Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß man diese Fähigkeit in jedem wiederfinden kann, wenn nicht pathologische Gegebenheiten diesen Prozess verhindern.

Inwiefern hat die Anwesenheit von Brecht am Berliner Ensemble einen Einfluß auf die Schauspielausbildung im Osten gehabt?

Der Einfluß des Brecht-Theaters war sicherlich stark. Er ging davon aus, daß der Mensch ein soziales und politisches Wesen ist. Für ihn war die kleinste gesellschaftliche Einheit nicht ein Mensch, sondern zwei. Ein sehr soziales Herangehen also, das zur Folge hatte, daß man Vorgänge zwischen Menschen genau zeigen und darstellen wollte. Dadurch ist sicherlich bei uns diese sehr starke handwerkliche Orientierung entstanden. Außerdem spielt die Fähigkeit des Wiederholbarmachens bei uns eine große Rolle: immer wieder Vorstellungen in der gleichen Qualität spielen. Das war auch ein Postulat von Brecht.

Hat sich nach der Wende etwas verändert?

Natürlich ist bei so einer entscheidenden Umbruchsituation etwas dazu gekommen. Aber diese Schule war immer eine Art Refugium, ein Rückzugsraum für avantgardistisches und experimentelles Theater. Wir brauchten - wie sonst in der DDR üblich - für eine Aufführung keine Rechte und konnten uns daher auch nicht-sozialistischen Autoren nähern. Unsere schulinternen Aufführungen waren regelmäßig Treffpunkt für Regisseure, Autoren und Schauspieler, die sich mit Autoren wie etwa Beckett nie haben beschäftigen können. Insofern war nach der Öffnung der Aspekt 'andere Autoren, andere Themen' nicht so relevant.

Wie sehen Sie die Zukunft des Schauspiels?

Die Gesellschaft verändert sich natürlich ganz stark durch die Medien und die Technologisierung. Aber ich glaube trotzdem, daß der Klassiker 'Zwei Menschen, die man atmet hört, die nicht hyperreal, sondern real sind' immer eine Qualität haben wird. Vielleicht wird dies sogar wieder stärker ins Bewußtsein rücken in einer Zeit, in der wir von Pseudo-Realitäten umgeben sind. Ja, ich denke, daß dieses Fossil Theater immer wieder eine Rolle spielen wird. Wobei es natürlich auch ein bißchen Hoffnungsglaube ist wenn ich davon ausgehe, daß es auch in 400 Jahren noch diese großen Leidenschaften wie Liebe oder Eifersucht geben wird, mit denen sich das Theater ganz viel beschäftigt.

Was bedeutet Ihnen persönlich diese Schule?

Heimat. Es ist ein Ort, wo ich Verantwortung trage. Und es bedeutet für mich auch viel mehr: es ist ein Beruf, der superior, der exzellent ist. Denn alles, was ich mir vorstelle, kann ich hier verwirklichen und meine Ideen mit anderen durchspielen. Aber es gibt noch etwas: ein Talent , das vielleicht noch nicht so hell geleuchtet hat, zum Leuchten zu bringen oder die Momente, wenn jemand an sich etwas entdeckt, von dem er vorher nichts wußte - das sind Glücksmomente, die ich oft im Jahr habe.

Interview:

Professor Dr. Andreas Wirth, Dekan der Fakultät Darstellende Kunst und Studiengangsleiter Schauspiel an der Universität der Künste

Was zeichnet die Ausbildung an der UdK aus?

Wir legen sehr viel Wert auf Selbständigkeit. Der Schauspieler lernt hier, sich als selbstständiger Partner in Zusammenarbeit mit seinen Kommilitonen aus den anderen Theaterkünsten zu bewähren. Die Studenten sollen sich ihre eigenen Gedanken machen können, zum Autor einer Figur werden, selbstverantwortlich an dieser Figur arbeiten, damit sie später nicht einfach Futter für einen Regisseur sind. Exemplarisch steht dafür in unserer Ausbildung die sogenannte Szenische Eigenarbeit. Das ist sicherlich auch ein Unterschied zu anderen Schulen.

Berlin hat seit der Wende zwei Schauspielschulen: eine im Westen, eine im Osten. Gab und gibt es da keine Konkurrenzgedanken?

Aber selbstverständlich. Der Konkurrenzaspekt kam schlagartig mit dem Fall der Mauer. Plötzlich waren zwei da, die für denselben Markt arbeiten. Westberlin hatte bis dahin auf einer Insel geschlafen, die HdK hatte es gar nicht nötig gehabt, darüber nachzudenken, was besser oder schlechter ist. Heute ist es so, daß die einen auf die Leute von 'Ernst Busch' schwören und die anderen auf unsere Absolventen. Obwohl es bereits nicht mehr so viele Vorurteile gibt. Werben muß man seit der Wende, seit das Geld knapper wird und die Gefahr besteht, daß Politiker denken, wenn zwei das gleiche tun, sei es dasselbe. Gegen die immer wieder anstehenden Zusammenlegungspläne gehen wir mit Polemik an. Die Ausbildungen sind verschieden: auch durch die Geschichte, durch die Herkunft der Lehrer. Und eine Weltstadt wie Berlin muß sich zwei Schulen mit so unterschiedlichen Ausbildungen leisten.

Worin liegt denn dieser Unterschied?

Die 'Ernst-Busch'-Schule war natürlich stark geprägt durch eine sozialistische Gesellschaft. Zu DDR-Zeiten war alles streng geregelt, selten pluralistisch ausgerichtet, sondern kadermäßig gut organisiert. Die Schauspielschulen wurden autoritär geführt mit ganz klaren methodischen Vorgaben, scharfen Kontrollen und Prüfungen. Das Institut bietet eine stringent aufgebaute Ausbildung, die handwerklich exzellent ist. Viele Lehrer aus der DDR-Tradition lehren noch dort, die Ablösung passiert langsam. Es herrscht ein spezifisches Klima - viele Zwischenprüfungen, viele Sitzungen, viel gut gemeinte Beobachtung der Studierenden mit einem großen Aufwand an Beschreibungen, Zeugnissen. Das ist nicht jedermanns Sache. Das hat auch etwas zu tun mit einem Klima von Vertrauen, von Offenheit - und da sind wir mitten im Westen. Die UdK ist eine ganz westliche Schule mit sehr verschiedenen Lehrern und Gästen und einem klaren Bekenntnis zur Vielseitigkeit. Denn das ist auch die Wirklichkeit dieser Gesellschaft.

Worauf achten Sie bei der Auswahl Ihrer Studenten?

Ich möchte erleben, daß sich hinter der Stirn ein Raum öffnet, etwas, was nicht auf den ersten Blick wahrnehmbar ist, was über die Person hinausgeht - eine Helligkeit. Dann Achtsamkeit füreinander, für das Zusammenspiel, für die Requisiten, für den Raum. Natürlich können Bewerber das während der Aufnahmeprüfung noch nicht beherrschen, aber wir spüren sehr genau, ob jemand lebendig ist. Unser Auswahlverfahren zieht sich über drei Wochen hin. Wir lassen alle auf der großen Bühne vorspielen, denn so kann man beurteilen, welche Kräfte, welche Energien im Raum sind, wie der auf der Bühne stehende Mensch den Raum verändert.

Was bedeutet für Sie Talent?

Wir achten auf Stimme, Bewegung, Wachheit, Aufmerksamkeit und vor allem spielerische Phantasie. Begabung ist schwer zu beschreiben, aber man kann sie erahnen in diesem nicht zu verleugnenden Drang, auf der Bühne stehen zu wollen, sich zeigen zu wollen. Ich spüre Talent auch darin, daß diese Menschen eine Verdrängung haben, wenn sie auf der Bühne stehen, eine Art Raumverdrängung.
Am wichtigsten aber ist, daß es da eine ganz eigene Lebenswirklichkeit gibt, eine Lebensmaterie, mit der wir arbeiten können - ohne Rücksicht auf Glamour.

Sind Sie stolz auf Ihre Absolventen?

Ja. Wenn sie gehen, ist es immer so, als ob man ein Stück von sich selber weggibt. Ich empfinde zum Beispiel Scham, wenn ich sehe, daß ihnen etwas nicht gelingt, und auf der anderen Seite Glück, wenn man mir - wie vor ein paar Tagen - sagt, daß die Absolventen dieses Jahres großartig ausgebildet seien. Ich lebe mit diesen Menschen und wenn sie gehen, schaue ich hinterher und denke: Mein Gott, habe ich ihnen alles vermitteln können?

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