Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

Complaints Choirs

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Artikel für ZEIT (www.zeit.de/online/2008/16/beschwerdechor)

Wir singen, um uns zu beschweren

Intro:

Das deutsch-finnische Künstlerpaar Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen verwandelt gesellschaftlichen Frust in Musik - von Helsinki bis Berlin

Text:

Die Deutschen halten sich für die Weltmeister im Meckern. Dass auch andere Nationen in dieser Kunst ganz groß sind, beweist das finnisch-deutsche Künstlerpaar Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen. Sie gründen überall auf der Welt complaints choirs ("Beschwerdechöre"). Wer möchte, kann hier seinen Ärger und Frust einfach heraus singen. Eine ziemlich ungewöhnliche Idee, fanden die Kuratoren der 5. Berlin Biennale und luden die Künstler ein.

Der kleine Saal in der Galerie Kunstwerke ist überfüllt. Mit so viel Andrang hat keiner gerechnet. Es gibt offensichtlich viel Grund zur Beschwerde. Auf jedem Sitz liegen ein Post-it-Block und ein Stift. In drei Minuten – so erklären die Kalleinens - soll jeder so viele Beschwerden aufschreiben, wie ihm einfallen. Die Zettel werden an eine Pinnwand geheftet. Innerhalb von nur einer Stunde will die Komponistin Miss Le Bomb noch am selben Abend aus diesem Beschwerdezettelwust eine Melodie komponieren, die jeder mitsingen kann.

Mitsingen? Daran denkt zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Während die Besucher bei Rote-Bete-Suppe, Wein und Zigaretten am Flurfenster rätseln, wie es wohl weitergehen wird, sitzt Miss Le Bomb in einem Raum im Hinterhof und sucht nach den richtigen Klängen. Einen derart spontanen Beschwerdechor zu organisieren, ist auch für die Künstler ein Experiment: normalerweise haben sowohl Komponisten als auch Laiensänger drei Wochen Vorbereitungszeit.

Doch schon vor Ablauf der Stunde ist Miss Le Bomb zurück. Unter ihrer Leitung klagt der zusammengewürfelte und immer noch ziemlich überraschte Berliner Beschwerdechor kurze Zeit später einträchtig über zu viele Möchtegernkünstler, rüde Autofahrer, leere Handy-Akkus und geschlossene Geschäfte am Sonntag. Am Ende singen alle lauthals mit und die ursprünglich durchaus ernst gemeinten Beschwerden klingen plötzlich gar nicht mehr so schwer.

Genau diese Wirkung wollen die in Helsinki lebenden Künstler mit ihrem Projekt erreichen. "Menschen verbringen sehr viel Zeit damit, sich zu beschweren," finden Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen. "Wir wollten diese negative Energie in etwas Großes, Kollektives, etwas Lustiges und Kraftvolles umwandeln."

Bei sich selbst hatten die beiden Künstler den Hang zum Meckern entdeckt: Nachdem sie bei einem Spaziergang durch Helsinki wieder einmal über das schlechte Wetter klagten, schlugen sie in einem Wörterbuch nach und fanden den Ausdruck Valituskuoro – "Beschwerdechor". Sie nahmen ihn beim Wort und fragten sich: Warum die Menschen nicht einfach ihre Beschwerden singen lassen? Die Idee der complaints choirs war geboren, ein Konzept, das überall auf der Welt spontan verstanden wird.

Der erste Beschwerdechor der Geschichte entstand im November 2006 in Birmingham . Das Video dazu schaffte es bis auf die Startseite von YouTube . Seitdem reisen die Künstler mit ihren complaints choirs um die Welt. Beschweren auf hohem Niveau ist kunstfähig geworden.

Die Kalleinens, die bereits zahlreiche Projekte im Bereich Social Arts auf die Beine gestellt haben, sind nach zwei Jahren zu Beschwerdeexperten geworden und wissen, worüber man in Jerusalem, Helsinki oder St. Petersburg klagt. Es seien vor allem die kleine Dinge aus dem Alltag, die nerven. Eine Frau aus Hamburg-Wilhelmsburg bedauert, dass ihre Lieblingsunterhosen ausverkauft sind, ein Finne findet seine Träume zu langweilig, einem Russen war die Kellnerin beim Abendessen zu unfreundlich.

"Sich zu beschweren ist ein universeller Wunsch, nur die Ausprägung ist von Land zu Land unterschiedlich", erklärt Tellervo. Ihr aus Deutschland stammender Mann fügt hinzu: "Die Songs spiegeln wider, wie die Menschen vor Ort ihre Welt wahrnehmen – das ist natürlich überall anders und darum so interessant".

In Chicago, so haben die beiden beobachtet, wurde in den über tausend Beschwerden vor allem über den Straßenverkehr geschimpft, in St. Petersburg beklagte man sich nicht etwa über politische Missstände, sondern über Liebe und Gefühle. In Singapur, einem vergleichsweise reglementierten Staat, beschwert man sich über die Mitmenschen, die auf der falschen Seite der Rolltreppe fahren und in Ecken pinkeln – und fordert damit indirekt noch mehr Regulierung. Und die Berliner? Die beschweren sich am liebsten über Berlin.

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