Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

DejaVu

Redaktionelles - Vermischtes
Projektbild

Vergangenwart und Gegenheit

Intro:

DĂ©jĂ -vu-Erlebnisse haben etwas Spukhaftes: Kaum sind sie da sind sie auch schon wieder weg. Was bleibt ist das sonderbare GefĂŒhl, dass uns die Wirklichkeit an der Nase herumfĂŒhrt. Aber woher kommen diese magischen Augenblicke? Sind sie Hinweise auf frĂŒhere Leben? Oder einfach nur eine Fehlschaltung im Gehirn?

Text:

Das erste Mal in Rom. Noch nie ĂŒber diese Strasse gelaufen, auf der die Roller vorbeiknattern. In einem StraßencafĂ© sitzen Menschen, die sich angeregt unterhalten, ein Kellner kommt rechts aus der TĂŒr mit einem vollen Tablett, ein Laster mit roter Aufschrift fĂ€hrt vorbei - und plötzlich ist die Situation vertraut. Auf einmal spĂŒrt man: Hier war ich schon, das habe ich genau so irgendwann schon einmal erlebt: dieser Geruch, dieser LĂ€rm, die Menschen, der Kellner. Alles ist so vertraut. Doch nur einen Moment lang, dann ist das DĂ©jĂ -vu vorbei.
Was bleibt ist ein sonderbares, fast beklemmendes GefĂŒhl und der Versuch, herauszufinden, warum diese Szene, dieses Bild gerade so vertraut waren.
Doch die Suche nach dieser Erinnerung ist vergeblich, und ebenso wenig kann man das GefĂŒhl noch einmal durchleben. Es hat sich so schnell wieder verflĂŒchtigt wie es gekommen ist. Keine Chance, dieses Aufblitzen im Archiv der Erinnerungen richtig einzuordnen und sich so seine Herkunft vernunftsmĂ€ĂŸig zu erklĂ€ren.

Gehirnforscher sind dem menschlichen Denken schon lange auf der Spur und wissen mittlerweile ziemlich scher, wo was im Hirn gerade gedacht wird. Vokabeln werden dort hin gespeichert, SinneseindrĂŒcke nehmen diesen Weg und Freude entsteht in jenem Bereich. Das Gehirn ist zu einer Landkarte mit roten, gelben und blauen Flecken geworden, die durch bildgebende Verfahren fĂŒr die Forschern auf den Bildschirmen sichtbar werden. Untersucht werden komplexe Funktionen und ihre Lokalisation - im lebenden Gehirn und ganz ohne Operation. Aber: DĂ©jĂ -vus sind faszinierende Verwirrspiele unserer Psyche, die noch immer wenig erforscht sind und noch weniger empirisch belegt werden können.
Einer, der sich seit langem mit der Erforschung von DĂ©jĂ -vus auseinandersetzt ist der Diplom- Psychologe Dr. Uwe Wolfradt von der UniversitĂ€t Halle-Witttenberg. Und er gibt gleich mehre ErklĂ€rungen fĂŒr dieses PhĂ€nomen. Er vermutet, dass das sonderbare GefĂŒhl, welches ein DĂ©jĂ -vu hinterlĂ€sst, daher rĂŒhrt, dass auf einmal Gegenwart und Vergangenheit in einer einzigen Situation miteinander verschmelzen. Und es ist tatsĂ€chlich bemerkenswert, dass uns unser Gehirn Vertrautheit mit einer Situation vorgaukelt, die uns eigentlich völlig unbekannt ist. „Die neuronalen Grundlagen des PhĂ€nomens sind bis heute nur bruchstĂŒckhaft bekannt“ entschuldigt sich der Wissenschaftler. Beliebt sei lange Zeit die Idee gewesen, dass eine verzögerte neuronale Übertragung dafĂŒr verantwortlich sei. Weil also die aus den verschiedenen Bahnen der Großhirnrinde einlaufenden Umweltinformationen in jedem Augenblick zu einem einheitlichen Eindruck verschmolzen werden mĂŒssen, sei es durchaus plausibel, dass Verzögerungen auf einem der Übertragungswege ein ziemliches Durcheinander hervorrufen und ein DĂ©jĂ -vu auslösen könnten.
Die Hirnforschung erklĂ€rt diesen Vorgang der neuronalen Fehlschaltung noch genauer: Es gibt u.a. zwei Abteilungen im Gehirn, der parahippocampale Cortex und der Hipocampus, die nach dieser Theorie nicht richtig zusammen arbeiten. Der Hippocampus ist das Archiv fĂŒr episodische Erinnerungen wie beispielsweise Kindheitserlebnisse. Der parahippocampale Cortex dagegen greift entreffende EindrĂŒcke auf und sucht im Archiv nach gleichen oder Ă€hnlichen Erinnerungen. Findet er sie, so gibt er den Eindruck als bekannt weiter und verleiht ihm das typische vertraute GefĂŒhl. Manchmal jedoch unterlĂ€uft ihm ein Fehler. Und dann ordnet er einem Eindruck ein vertrautes GefĂŒhl zu, obwohl keine passende Erinnerung dazu vorhanden ist. Und schon ist sie da, die merkwĂŒrdige Mischung aus Vertrautheit und Befremden, die ein DĂ©jĂ vu- Erlebnis auszeichnet.
Kognitionspsychologen deuten dieses PhĂ€nomen noch einmal anders. Sie sind der Überzeugung, dass Erfahrung manchmal nicht vollstĂ€ndig erfasst und nicht sorgfĂ€ltig kodiert werden. Wenn dies geschieht, scheint es ihnen höchst wahrscheinlich, dass die gegenwĂ€rtige eigentlich unbekannte Situation die Erinnerung an ein Fragment aus der eigenen Vergangenheit auslöst. Die Erinnerung ist so bruchstĂŒckhaft, dass eine solide Verbindung zwischen dem BruchstĂŒck und anderen Erinnerungen aufgesellt werden können. Demzufolge können Menschen also etwas als vertraut empfinden, wenn sie nur einen bestimmten Aspekt davon - etwa einen charakteristischen Geruch - frĂŒher in einem anderen Kontext schon einmal erlebt haben.

Doch die Hirnforschung ist jung und DĂ©jĂ Vus sehr alt. Seit Jahrhunderten sind sie fĂŒr die Menschen ein klares Indiz fĂŒr bereits gelebte Leben. Mit einem Mal sollen sie also nur ein neurochemischer Vorgang im Gehirn sein und die emotional bewegenden Sekunden lediglich ein MissverstĂ€ndnis zwischen unterschiedlichen GedĂ€chtnisregionen? Wo bleibt da die Phantasie, spricht doch scheinbar alles dafĂŒr, dass die Erinnerung nicht aus diesem Leben stammen kann. Wenn man auch nach intensivster Recherche der eigenen Vergangenheit feststellt, dass man an einem bestimmten Ort, der auf einmal so vertraut wirkt, noch nie war - könnte man denn dann nicht vielleicht doch schon mal vor 180 Jahren dort gewesen sein - als Marktfrau oder als Gaukler? In der von Dr. Uwe Wolfradt erhobenen Studie sagten dreißig Prozent der von ihm zu DĂ©jĂ -vu-Erlebnissen befragten Studenten aus, sie hĂ€tten im Augenblick des DĂ©jĂ -vus gewusst, was als nĂ€chstes passiert.
So liegen den Forschern viele Berichte von Menschen vor, die an einen fĂŒr sie nachweisbar unbekannten Ort kamen und genau wussten, dass sie vorfinden wĂŒrden. Dass sie etwa auf einer Wanderung schon vor der Wegbiegung die HĂŒtte mit einer grĂŒnen HolztĂŒr und roten Herzen auf den FensterlĂ€den neben einer Gruppe von Tannen sahen - was sich im Weitergehen dann tatsĂ€chlich bestĂ€tigte.
Durch die eingehenden Analysen könnte also bald die uralte Vorstellung, dass wir vielleicht schon mehrmals gelebt haben, der wissenschaftlichen Erkenntnis Platz machen mĂŒssen, dass uns unser Gehirn einfach nur ein bisschen verschaukelt. Wir wĂŒrden dann genau wissen, in welchem Teil des Gehirns unter Zuhilfenahme welcher Botenstoffe DĂ©jĂ -vus entstehen und das verblĂŒffende Zusammentreffen von Vergangenheit und Zukunft könnte ganz nĂŒchtern erklĂ€rt und empirisch belegt werden. Aber braucht man dieses Wissen? Muss jedes kleinste Wunder analysiert, auseinandergepflĂŒckt und erklĂ€rbar gemacht werden? ‚Warum magische Momente entzaubern? Ein bisschen Mystik tut doch gut - zumindest in diesem Leben.

→ Leseprobe herunterladen
Iris Rodriguez, 10777 Berlin - Alle Rechte vorbehalten | → Flash-Version der Website