Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

Erinnerungen

Redaktionelles - Vermischtes
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Über die Zukunft unserer Erinnerungen, erschienen in NEON

Weißt Du noch?

Intro:

Digitale Fotografie macht es uns leicht, unser Leben jederzeit und mit beliebig vielen Bildern zu speichern. Aber hilft eine lückenlose Dokumentation dabei, wichtig Erreignisse festzuhalten - oder gehen unsere Erinnerungen von morgen in der Bilderflut von heute verloren?

Text:

Ganz Europa in sechs Tagen- kein Problem für japanische Touristen. Sie eilen - bewaffnet mit ihrem Fotoapparat - von Metropole zu Metropole und scheinen Paris, Rom oder London nur durch das kleine Rechteck ihres Suchers wahrzunehmen. Was sie festhalten sind Erinnerungen an eine Reise, die sie eigentlich erst machen, wenn sie wieder in Japan sind. Dann haben sie Zeit, in aller Ruhe ihre Bilder anzuschauen und sich daran zu erinnern, wie sie den Wachen am Buckingham Palace kein Lächeln entlockten.
Wir schmunzeln nachsichtig über dieses Verhalten, dabei sind wir durch die Entwicklung in der digitalen Fotografie auf dem beste Wege, unser eigenes Leben zunehmend durch den Sucher zu betrachten, um unsere Erinnerungen von morgen festzuhalten. Mit einem Unterschied: Dass wir in zwanzig oder mehr Jahren vor terrabytegroßen Festplatten mit unseren unendlich vielen gespeicherten Fotos sitzen werden.
Zweifellos, der Mensch braucht seine Erinnerungen, schließlich ist er ein historisches Wesen, wie die Psychologen sagen. Er braucht den Blick nach hinten, denn ohne seine Vergangenheit ist er nichts. Das Erlebte hat seine Persönlichkeit geformt, seine Identität geprägt, sein Leben gefüllt. Und dieses Leben möchte er unter allen Umständen bewahren - für sich selbst, seine Kinder und alle, die danach kommen. Schon die Höhlenmalerei der Steinzeit zeugt von diesem tiefen Bedürfnis zu zeigen, wer man ist. Oder die Voyager-Raumsonde, die auf ihrem Weg durch die Weiten des Alls fremden Lebensformen mittels einer multimedialen 'best-of-planet-earth'-Scheibe aufzeigen soll, dass es uns Menschen gibt. Neuerdings gibt es sogar Agenturen, die als Ghostwriter Autobiografien für jedermann schreiben, der sein Leben in Buchform für lesenswert hält und seine Bedeutung als ein Stück Zeitgeschichte nicht in Vergessenheit geraten lassen will.
Heutzutage sind jedoch es vor allem Fotos und Filme, mit denen der Mensch beweist: 'Schaut, ich habe gelebt - und das sah so aus'.
Wie bedeutend dem Einzelnen seine Bilder sind zeigt sich darin, dass Fotoalben - nach den Dokumenten - das Wichtigste sind, was Menschen aus einem brennenden Haus retten würden. Denn Fotos sind eingefangene unwiederbringliche Momente. Sie zu betrachten ist als ob sich ein Tor öffnet, durch das die Gerüche und Geräusche, die Gesprächsfetzen, die Stimmung und das bestimmte Gefühl von damals wieder ins Bewusstsein treten. Für einen kurzen Augenblick schwelgen wir nostalgisch im 'Weißt Du noch....?'.
Die Erfindung von Digitalkameras hat Fotografieren und Filmen mittlerweile so leicht gemacht, dass auch der letzte Technikmuffel in der Lage ist, mit seiner Digitalkamera jeden noch so unwichtigen Moment festzuhalten für die lückelose Erinnerung von Morgen. Überall sieht man sie herumlaufen: Menschen, die mit weit ausgestrecktem Arm und festem Blick auf’s Display die Wirklichkeit aufnehmen - statt sie zu erleben. Haben wir bis vor kurzem noch mit dem Auge am Sucher überlegt, ob das Motiv lohnenswert ist, machen wir heute mit schicken Kameras und Fotoshandys einfach mal zwanzig Schüsse von einem einzigen Motiv. 'Der Japaner' ist im Kreissaal keine Seltenheit mehr: Viele werdende Väter erleben die Geburt ihres Kindes nur durch den Sucher und schaffen es, von den Presswehen bis zum Abnabeln 200 Fotos zu schießen.
'Shoot now, delete later' heißt das Motto. Die Taste mit der Löschfunktion verheißt eine Zukunft ohne doofe Fotos, Computer machen jeden zum Herrn seiner Fotos und Erinnerungen: sichten, bearbeiten, verschönern - alles spricht für eine demokratische schöne neue Erinnerungswelt.
Filme, Fotos, Musik, Clips und Dokumente jeder Art ruhen auf bis vor einiger Zeit noch undenkbar großen Festplatten und nehmen doch keinen Platz weg in den eigenen vier Wänden, stoßen nie an die Grenzen einer Regalwand, vergilben nicht, fangen keinen Staub und bleiben als Daten eins zu eins erhalten, ohne an Qualität einzubüßen. Dank der Technik kann ich mein ganzes Leben im Laptop mit mir herumtragen - es lebe der Mythos vom Digitalnomaden. Doch wie schick ist der Trend wirklich, dass anfaßbare Erinnerungsstücke durch das Digitale mehr und mehr entmaterialisiert werden? Fotoalben sieht man immer weniger und MP3, WMA und AAC ersetzen schon jetzt viele CD-Sammlungen.
Was bleibt ist das schleichende Unbehagen darüber, dass so vieles, was uns wichtig ist, nun als Nullen und Einsen im digitalen Nirwana liegt. Wer aber rettet meine Erinnerungen und den Nachlass meiner selbst, wenn das System meines Rechners mal abstürzt? Bin ich irgendwann überhaupt noch in der Lage, mich selbst zu erinnern, wenn ich über Jahre meine Erinnerungen an einen Rechner delegiert habe? Vielleicht bestimmt die digitale Revolution die Evolution der Erinnerungen so sehr, dass die subjektiven Speichermöglichkeiten des Menschen verkümmern.
Möglicherweise legen wir durch das Bestreben nach lückenloser Dokumentation unseres Lebens in tausenden von Bildern schon heute den Grundstein für das spätere Vergessen. Denn den unendlichen Kapazitäten der Speichermedien und dem damit verbundenen Anreiz, einfach alles zu bewahren, steht die menschliche Fähigkeit entgegen, nur eine bestimmte Menge überhaupt aufnehmen zu können. Megabyte, Gigabyte, Terrabyte - zu viel Raum für ein Leben. Wer da nicht absolut regelmäßig Ordnung in seinen Datenmengen hält - wer hat schon Zeit dazu - und sich die Mühe macht, Wichtiges sofort von Vergessenswertem zu trennen - was noch mehr nicht vorhandene Zeit in Anspruch nimmt - der wird in zwanzig Jahren hilflos vor einem riesigen Fundus an Fotos und Filmen sitzen mit so geheimnisvollen Namen wie 'p1020166' oder 'cimg0151'.
Schon sind Programme wie das Content Management System vom Frauenhofer Institut in der Entwicklung, die dem fleißigen Hobbyfotografen helfen sollen, zwischen dem ganzen Kram, den er gespeichert hat, das wieder zu finden, was er sucht. Hat er etwa ein Foto der Großmutter und will mehr von ihr sehen, so sucht das System auf Knopfdruck alle Fotos mit Omas Konterfei heraus.
Wieder werden die User einen Schritt weitergehen und ihre Computer nicht nur dazu nutzen, Erinnerungen an ihn zu delegieren, sondern auch, um sich im Meer der gehorteten Bilder überhaupt noch zurechtzufinden. Bis dahin hilft nur Disziplin und penibles Ausmisten. Doch das fällt selbst einem Mann vom Fach wie Christian Gran, Informatiker am Frauenhofer Institut in Berlin, schwer. 'Ich dupliziere immer mehr und habe deshalb immer mehr Chaos auf meinem Rechner' gesteht er. 'Von einem PC mit wenigen Megabyte bin ich umgezogen auf den nächst größeren und habe die alten Sachen einfach rüberkopiert aus Angst, dass was verloren gehen könnte.' Kein Problem, weil alle alten Daten nur ein Prozent Platz der neuen Festplatte einnehmen. Und doch wird der Vorteil schnell zum Nachteil. Weil heute kein Nutzer digitaler Speichermedien mehr gezwungen wird, aufzuräumen und auszumisten wie bei einem echten Umzug laufen wir Gefahr, digitale Erinnerungs-Messies zu werden. Menschen, die horten, sich von nichts trennen, ihre Datenmengen unsortiert von Mega auf Giga und von Giga auf Terra mitschleppen. Und deshalb später vielleicht Hilfe suchen in Büchern wie 'Feng Shui für meine Festplatte' oder 'Das digitale Entrümplungskomplott'.
Aber die Sorge, etwas zu vergessen, nicht zu bewahren oder sogar zu verlieren geht noch weit über die eigene Festplatte hinaus bis in die unendlichen Weiten des Internet. Dort kann man sich externe Speicher mieten, um wichtige Unterlagen abzulegen, seine Gedanken in virtuellen Tagebüchern zu konservieren oder die Doktorarbeit zu sichern - alles gut geschützt vor’m Systemabsturz auf dem heimischen Rechner. Aber was, wenn das Internet irgendwann doch mal von einem Virus befallen wird und alles gelöscht wird? Schließlich ist doch in der Technik alles möglich und denkbar - wieso nicht auch ein weltweiter Web-Gau? Wer kann versichern, dass das digitale Gedächtnis wirklich so vollkommen und immer verfügbar sein wird? Niemand, sagen die Zweifler und hinterlegen deshalb ihre wichtigsten Fotos, Filme und Dokumente auf CD gebrannt im Bankschließfach - man weiß ja nie.

Welchen Einfluss die Digitalisierung auch auf die Zukunft der Erinnerung auch haben wird - sicherlich wird sie nicht die menschliche Fähigkeit beeinflussen, Denkwürdiges auf vielfältige Weise zu speichern: durch Riechen, Fühlen, Sehen, Hören, Schmecken nimmt unser Körper genug Erinnerungen in sich auf, die auch in dreißig Jahren noch durch eine kleine Geste, ein vertrautes Bauchgefühl oder einen irgendwann schon mal wahrgenommenen Geruch wieder lebendig werden.
Die Digitaltechnik wird uns bereichern, uns schnell und genau mit Momenten aus unserer Vergangenheit versorgen. Nur hin und wieder das Entrümpeln nicht vergessen, denn bei hunderttausenden von Fotos glauben unsere Enkel sonst noch, dass wir Touristen unseres eigenen Lebens waren - stets auf der Suche nach den Erinnerungen von Morgen.

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