Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

Island Design

Redaktionelles - Vermischtes
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Artikel für Welt am Sonntag, Ressort Stil über die Designszene in Island

'Nirgendwo ist es so wie hier.'

Intro:

Auch wenn nach der Ausnahmesängerin Björk der Exotenbonus verbraucht ist, Islands Kreativszene lebt. Es brodelt in Reykjavik, der wohl kleinsten Weltstadt der Welt: Eine neue Generation von Designern setzt auf unbedingten Individualismus und Originalität.

Text:

Reykjavik hat alles, was eine Weltstadt braucht: Ein Parlament (nicht größer ist als ein großes Dorfschulgebäude), eine Kirche oben auf dem Berg, ein Gefängnis, einen Präsidenten nebst hübscher Gattin, viele Museen, eine Universität, ein Theater, eine Oper (nicht drei), schicke Hotels und Restaurants, Galerien, edle und hippe Bars, Designershops und Off-Beat Läden, und vor allem eine vibrierende Kunst-, Designund Musikszene. Nur die Einwohnerzahl von 114.000 will nicht so recht zu einer Weltstadt passen. Dennoch verlässt man Reykjavik mit dem sicheren Gefühl, das einem jede Großstadt mitgibt: Ganz viel verpasst zu haben. Immer und überall ist etwas los. In der kulturellen Szene der Stadt wird eröffnet und bestaunt, performed und installiert, gerockt, feiert, gelacht, getrunken. Eventhopping muss sein, wer flexibel ist, kriegt mehr mit, denn schließlich ist alles gleich um die Ecke in 101 Reykjavik.

Es ist eine kleine, ungemein kreative Gesellschaft und jeder scheint Ideen am laufenden Band zu produzieren. Es gibt sogar gute Ideen, um die Ideen an den Mann zu bringen. So wie die von Aslaug Snorradottir, die in ihrem Geschäft 'Islandic Picnic' leckeres Essen und gutes Design verbindet. Ihr Laden liegt versteckt in einer ehemaligen Werkshalle im Hinterhof unweit des Hafens, und Aslaug öffnet nur, wenn sie Besuch erwartet. Zwei lange Tischreihen teilen den Raum, überall stehen Ikea- Stühle herum - jeder ein Kunstwerk und von einem anderen Designer in ein Unikat verwandelt. Auf dem einen Tisch werden Designobjekte isländischer Designer präsentiert. Der andere ist schon eingedeckt, eine Firma will am Abend in diesem ungewöhnlichen Rahmen feiern. Dann wird Aslaug selbst gemachte Köstlichkeiten servieren und guten Wein ausschenken - zur Zeit am liebsten Rosé, weil er viel besser sei als sein Ruf. Spätestens wenn der Wein gut fließt, läuft auch ihr Geschäft mit den Designobjekten. Nicht, dass sie als erfolgreiche Fotografin und Kochbuchautorin darauf angewiesen wäre, es macht ihr einfach Spaß. 'Alles, was es bei mir gibt, ist hier in Island entworfen und produziert worden' stellt sie stolz fest. Sie zählt einige der Großen aus der kleinen isländischen Designszene auf: Dyrfinna Torfadottir mit ihren aufregenden Schmuckkreationen, die ein Stück isländische Natur sind. Die Designergruppe um Egill Kalevi Karlsson und Brynhidlur Palsdottir, die Wolldecken mit einem ganz klaren Bezug zu Island herstellen. Besonders auffällig ist die 'topografische Karte von Island', eine Decke, die die Oberfläche des Landes simuliert. Wer sich darunter legt, erweckt die Landschaft zum Leben, definiert mit seinen Körperrundungen Hügel und Ebenen. Und nicht zuletzt die Produktdesignerin Tinna Gunnarsdottir, für die klar ist: 'Wenn ich einen Trend kommen sehe, weiß ich, dass ich definitiv nicht Teil davon sein will.'

Es ist eine spannende und aufregende Entwicklung in der Designszene Islands zu beobachten: Die jungen Designer, die gerade die Hochschule verlassen, zeigen deutlich, dass sie sich vom Einfluss Italiens, Frankreichs oder Englands abgelöst haben. 'Die Absolventen sehen ihre nationale Vergangenheit heute anders', erklärt die Designprofessorin Sigridur Sigurjonsdottir (38). Während ihr kleiner Sohn warm eingepackt im Kinderwagen auf der Terrasse schläft, hat sie Zeit für ein Interview. 'Die jungen Isländer suchen viel mehr in der Vergangenheit, graben dort, wo sie herkommen, finden heraus, was sie mit ihrer Geschichte machen möchten und entdecken darüber, wer sie selber sind.' Doch warum passiert das erst jetzt? Hat man denn vorher nicht nach seinen kulturellen Wurzeln gesucht? Sigridur überlegt kurz: 'Wir haben vorher nicht so gern zurückgeschaut, weil wir dort nur das arme, unkultivierte Island gesehen haben. Der Wandel und der Reichtum kamen ja erst mit und nach dem zweiten Weltkrieg'.
Das ist die ältere Geschichte. Die jüngere lässt sich in einem Wort ausdrücken: Björk. Sie hat nicht nur der Musik, sondern der gesamten isländischen Kunstszene die Türen zur Welt geöffnet. Björk sang alte isländische Poems, wob sie in eine bis dahin ungehörte Musik ein, zeigte sich mit elfengleicher Aura, löste in der Welt eine Welle der Begeisterung aus - und in ihrem Land eine neue Welle der Romantik. Auf einmal war Island diese interessant-exotische Insel im Nordmeer, die von Asien, Europa und Amerika neugierig bestaunt und beobachtete wurde. Es baute sich eine Erwartungshaltung auf, dass alles, was aus Island kommt, irgendwie schriller und anders sein sollte. Dieses Fremdbild hat auch die eigene Wahrnehmung geprägt. 'Es geht uns hier sehr darum, anders zu sein' bestätigt Sarah Maria Eythorsdottir(26), Besitzerin von Naked Ape, einem Modeladen im ersten Stock eines kleinen Hauses in der Laugavegur. Hier, auf der Haupteinkaufstrasse von Reykjavik sucht man große internationale Ketten wie H & M oder Esprit vergeblich. Unter dem Label Naked Ape verkauft Sarah Maria nur Kleider, die ihrem Anspruch genügen: ' Manchmal bringen Leute Modelle, die nicht gut genug sind, dann sage ich: Bring es besser woanders hin. Ich will nur das Besondere. ' Das scheint typisch isländisch zu sein. Sarah Maria lacht und wagt einen Erklärungsversuch: 'So habe ich das noch nie gesehen, aber es liegt vielleicht an unserer isolierten Lage und auch daran, dass wir so wenige sind. Da kommt es auf jeden Einzelnen an, etwas Gutes zu machen.'
Wie das aussieht, kann man vor allem Freitag und Samstag Nacht in den Clubs von Reykjavik beobachten. Der Stil der Isländerinnen ist sehr eigenwillig, ein bunter Mix aus Stoffen, Schnitten und Farben - und manchmal den Berlin-Mitte-Stil alt aussehen lässt.
Originalität als Lebensprinzip. Und vielleicht sogar als Überlebensprinzip, denn ein so kleines Land hat gar nicht genügend Arbeitskräfte, um für den Massenmarkt zu produzieren. Es gibt gerade mal 300.00 Isländer, die Hälfte davon lebt in der Hauptstadt. Deshalb entsteht in Reykjavik der Eindruck, dass jeder jeden kennt. Die meisten Designer und Galerien sind auf den beiden Einkaufsstrassen Laugavegur und Skolavorthustigur zu finden. Für die erfolgreichste Modedesignerin Islands, Steinunn Sigurdsdottir, ist deshalb klar, dass sie in einem Schmelztiegel kreativer Energie lebt. 'Wir sind hier alle auf einem Haufen, das macht den Unterschied. Ich habe lange in New York, Tokio und Italien gearbeitet, aber nirgendwo ist es so wie hier.'

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