Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

Minibars

Redaktionelles - Vermischtes
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Fotos: Oliver Marc
Text: Iris Rodirguez

Ansichten einer Minibar.

Intro:

Ist eine Minibar im Hotelzimmer eingebaut, ist sie einem zu teuer. Ist keine eingebaut, bemängelt man fehlenen Servive. Nur hin und wieder erblickt ihr Inneres das Licht von Außen. Sie sieht in ihrem Leben in tausende Gesichter, die sich nüchtern oder betrunken über sie beugen. Ein Streifzug durch eine spezielle Trink-Kultur.

Text:

Die Zimmertür springt auf, ich höre gedämpfte Schritte auf dem braunmelierten Teppich. Forsche Schritte. Ein Mann, ganz ohne Zweifel. Die Stille reißt jäh ab, als er MTV einschaltet. Er zappt. Vielleicht hält er bei der Tagesschau, es müßte doch gleich acht sein. Nein - jetzt kommt er! Gleich wird's hell. Ich blinzele ein wenig, als die Tür aufgeht. Das plötzliche Licht macht mir manchmal zu schaffen. Der Typ ist einer von denen, die nur aus Langeweile in mich reinschauen. Halt, er nimmt doch ein Bier. Jetzt mach ich das schon jahrelang und liege doch manchmal daneben. Aber dafür habe gestern gleich dreimal richtig getippt: Campari-Orange, Champagner, stilles Wasser. Genau in dieser Reihenfolge! Ich glaube, sie hatte Probleme, hat ewig lang am Telefon gehangen. Aber da höre ich natürlich weg, Diskretion wird bei mir großgeschrieben.
Nun ist es wieder dunkel und ich kann meinen Gedanken weiter nachhängen: ich frage mich oft, wie es wohl meinen Kollegen da draußen geht? Wir haben leider keinen guten Kontakt untereinander. Das mag zwei Gründe haben: wir sind zuviele - 50.000 von unserer Sorte werden jedes Jahr hergestellt, da herrscht die Anonymität. Und zweitens haben wir 24 Stunden Dienst. Wie sollen da Sozialkontakte entstehen? Also ein Haufen Einzelgänger, und zwar schon seit 1971. So lang ist es schon her, daß Elekrolux damit begann, Minibars zu bauen , gratis an Hotels zu liefern und uns von den Getränkeherstellern bestücken zu lassen. Eine großartige Idee, zweifellos, jeder hat von dieser Idee profitiert, und ich verdanke ihr mein aufregendes Leben. Ach übrigens, falls wir uns mal begegnen sollten, könnten Sie dann bitte meinem Direktor ausrichten, daß ich gerne eine neue Verkleidung hätte? Etwas schickeres, moderneres. Geht das? Ich gebe auch einen aus.

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