Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

Trip to Asia

Redaktionelles - Vermischtes
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Artikel für den Stern: www.stern.de/unterhaltung/film/:Trip-Asia--Das-Ego-Koffer/ 612499.html

"Trip to Asia"

Das Ego bleibt im Koffer

Von Iris Rodriguez

Intro:

Permanenter Druck, ständige Höchstleistung: Der Dokumentarfilm "Trip to Asia" entführt die Zuschauer in die geheime Welt der Musikelite. Dafür hat der Regisseur Thomas Grube die 126 Musiker der Berliner Philharmoniker auf einer Konzertreise durch halb Asien begleitet.

Text:

Pekinger Oper, hintere Bühne. Große Trommeln werden in ihren Reisekästen durch die Gänge in Richtung Bühne geschoben, dann ein Kontrabasskoffer. Menschen laufen geschäftig hin und her, die Anspannung ist deutlich zu spüren. Am Abend werden die Berliner Philharmoniker für die Pekinger Opernbesucher Adès, Beethoven und Strauss spielen. Für den Dokumentarfilm "Trip to Asia" haben Thomas Grube und sein Filmteam die Musiker der Philharmonie mehrere Wochen lang auf ihrer Konzertreise durch Asien begleitet. Von Peking über Seoul, Shanghai, Hongkong, Taipeh und Tokio ging die Tour und sie spielten vor Publikum, das zum Teil 26 Jahre auf die Rückkehr der Musiker gewartet hatte.

Der Film "Trip to Asia" ist eine Reise in die unbekannte Welt der absoluten Musikelite. Eine fremde Welt, in der ganz besondere Bedingungen herrschen, erst recht auf einer so anstrengenden Reise. Der ständige Druck ist enorm, permanente Höchstleistung selbstverständlich, jeder schaut auf jeden, eine falsche Note kann so viel zerstören. Hinzu kommt das dauernde Zusammensein und die Nähe, der man auf dieser Reise nicht entfliehen kann - willkommen im Eliteorchester.

Die Suche nach dem Einklang

Kann eine solche Reisereportage ins Kino locken? Muss man nicht Musikstudent oder Sozialkundelehrer sein, um sich von der "Suche nach dem Einklang" angesprochen zu fühlen? Nein, muss man nicht. Der Film schafft es trotz seines hohen kulturellen Anspruchs, mit Dichte, großartigen Bildern und einem ungewöhnlichen Soundtrack den Zuschauer abzuholen und bis zum Schluss mitzunehmen.

Auf sensible Weise ergründet der Film das geheimnisvolle, spannungsgeladene Innenleben eines der besten Orchester der Welt. Thomas Grube, der bereits mit Sir Simon Rattle den viel beachteten Film "Rhythm is it" drehte, hat die 126 Musiker mit vier Kameramännern überall hin begleitet auf ihrer immer währenden Suche nach Harmonie und Einklang - sowohl im musikalischen als auch im zwischenmenschlichen Sinne. "Wir waren einfach immer da: Im Hotel, vor dem Hotel, in den Hallen, vor und nach der Probe, im Konzert, bei der Zimmerparty danach, am nächsten Morgen beim Frühstück, im Bus zum Flughafen, im Flugzeug... Es gab kein Entkommen" erzählt der Regisseur.

Das gewachsene Vertrauen zwischen Musikern und Filmteam kommt in den Interviewpassagen zum Ausdruck. Auf einmal versteht man, was es bedeutet, sich als herausragender Solist in eine Gruppe einzuordnen, bei der nur die Gesamtheit zählt. Es wird klar, wie viel Leidenschaft für die Musik es braucht, um auf diesem Niveau zu spielen. Sehr offen und persönlich erzählen die Musiker von ihren Ängsten, Selbstzweifeln und der Herausforderung, das eigene Talent ganz in den Dienst dieses Klangkörpers Orchester zu stellen.

Gradwanderung für das eigene Ego

Dass der Film in Asien spielt, gibt ihm nicht nur visuell einen besonderen Reiz. Denn es ist ein Kontinent, dessen Gesellschaften geprägt sind vom Wir, vom Kollektiv, vom ständigen Menschenstrom, der durch die Metropolen fließt. Wo Milliarden leben, hat es die Individualität schwer. So wird das Orchester zum Sinnbild einer Gesellschaft und ist ein Mikrokosmos, der sich immer wieder mit der grundlegenden Frage nach dem Ich in der Gemeinschaft auseinandersetzen muss.

Das Zusammenspielen und Zusammensein während dieses intensiven Trips ist nicht immer leicht, die Tour wird zur Gratwanderung für das eigene Ego. Das ist schon deshalb klar, weil sich die Berliner Philharmoniker aus vielen Nationalitäten, Alterstufen und vor allem unterschiedlichen Charakteren zusammensetzen. Jeder Einzelne gehört zu den Besten seines Fachs. "Wir haben unser Leben lang an uns und mit uns gearbeitet. Wie soll man anders sein als egozentrisch?" Das ist eine berechtigte Frage des Oboist Albrecht Meyer, den die Leidenschaft zur Musik vom Stottern geheilt hat. Wird hier das Klichee vom eigenbrödlerischen und etwas sonderbaren Musikgenie bemüht, das schon als Kind soziale Akzeptanzprobleme hatte? Die Hornistin, die sich immer hässlich fand, der Violinist, der stets ausgeschlossen wurde?

Es scheint zumindest viele Parallelen im Leben von musikalisch Hochbegabten zu geben. Und jeder von ihnen kennt die Einsamkeit des Übens, die Angst vor Wettbewerben und Prüfungen, die Sehnsucht nach Anerkennung, den tiefen inneren Ehrgeiz, sich weiter zu entwickeln und den dauernden Druck der eigenen und äußeren Anforderungen. "Vielleicht tue ich das alles nur, um Liebe zu bekommen." sinniert Aline Champion, die este Violinistin. Das ist ganz schön ehrlich und auch als Nicht-Genie stellt man fest, dass solche oder ähnliche Fragen schon mal die eigene Gedankenwelt bevölkert haben.

Orgiastische Gefühle

In Taipeh, der vierten Station der Reise, nach harten Proben mit einem charismatischen und unnachgiebigen Sir Simon Rattle, widerfährt den Musikern das, was der Cellist Olaf Maninger als "orgiastisches Gefühl" beschreibt: Sie werden von 30.000 restlos begeisterten Taiwanesen gefeiert wie die Popstars. Überwältigt stehen die Philharmoniker da und können kaum glauben, wie der Einklang die Menschen bewegen kann. Ein absolutes Highlight, doch weder ist es das Ende der Tournee, noch des Films. Weiter geht es nach Hongkong. Nun wird es anstrengend. Was soll jetzt noch kommen? Doch auch dies gehört zum Film: Den Zuschauer die Strapazen einer solchen Tour tatsächlich mitspüren zu lassen. Das ist eine neue Form von Authentizität: Erschöpft sein, ohne tatsächlich gereist zu sein. Und darum erreicht der Film etwas, was jede gute Reise auszeichnen sollte: Den Blick auf die Dinge zu erweitern. Denn bestimmt wird man nach "Trip to Asia" beim nächsten klassischen Konzert die Musiker mit anderen Augen sehen und sich fragen, wer von ihnen wohl als Kind gestottert hat oder ob die zweite nicht lieber die erste Geige wäre.

Weitere Infos zum Film auf www.triptoasia.de

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