Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

Jüdisches Museum

Jahresbericht

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Jahresbericht 2001/2002 für das Jüdische Museum in Berlin

Die historische Ausstellung - Eine Zeitreise durch 2000 Jahre deutsch-jüdische Geschichte.

Wie reist man durch die Zeit? Wie durch zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte? Am besten im Jüdischen Museum Berlin. Eine faszinierende, lehrreiche, mitunter ergreifende Reise vorbei an unzähligen Bildern und Texten, Kunst- und Alltagsgegenständen, Medienstationen und interaktiven Elementen. Sie alle erzählen von der jüdischen Kultur in Deutschland und den schwierigen Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden, bringen dem Geschichtsreisenden religiöse Traditionen des Judentums nahe, zeigen ihm aber auch Vertrautes, denn schließlich wurde in vielen Bereichen deutsche Kultur und Geschichte von Juden mit gestaltet. Die 'Reiseroute' durch die Zeiten ist weitgehend chronologisch und setzt innerhalb der Epochen thematische Schwerpunkte.

Die Reise beginnt.

Über die Anfänge jüdischen Lebens in Deutschland geben nur wenige Zeugnisse Auskunft In einem Erlass an den Kölner Magistrat verfügte Kaiser Konstantin 321, dass die Juden in das Stadtregiment berufen werden konnten. In Trier wurden Öllampen gefunden, die ebenfalls auf die frühe Anwesenheit von Juden hindeuten: Die Lampen sind mit einer Menora, dem siebenarmigen Leuchter aus dem Jerusalemer Tempel, geschmückt.

Willkommmen im Mittelalter.

Den Alltag der Juden im Mittelalter bestimmte die Religion. Hebräisch war die Sprache der religiösen Texte. Erst der moderne Zionismus belebte das Hebräische als gesprochene Sprache neu. Heute ist es Nationalsprache des Staates Israel. An einer Computerstation können unsere Besucher ihren Namen auf Hebräisch schreiben. Sie lernen das Alef-Bet kennen und erfahren etwas über die Besonderheiten der hebräischen Sprache. Wußten Sie zum Beispiel, dass Sie ein hebräisches Buch nicht wie gewohnt von links, sondern von rechts aufschlagen müssen?

Geschäftsfrau und Mutter anno 1700.

Eine außergewöhnliche Biographie stellen wir in den Mittelpunkt der Darstellung der frühen Neuzeit: Glikl bas Juda Leib (1646 - 1724), auch bekannt als Glückel von Hameln, hinterließ ihre Memoiren. Nach dem Tod ihres Mannes, so berichtet sie, führte sie dessen Geschäfte weiter und begab sich häufig auf Handelsreisen. In einem Computerspiel packen unsere Besucher Glikls Koffer. Sie erfahren dabei Kurioses und Wissenswertes über das Reisen und die Lebensumstände jüdischer Händler und Handelsfrauen in damaliger Zeit.

Löb und seine Levis.

Im 15. und 16. Jahrhundert wurden die Juden aus fast allen großen Städten des Reiches vertrieben. Viele fanden auf dem Land Zuflucht. Sie trieben hauptsächlich Handel - mit Pferden und Getreide, mit Kleidung und Stoffen. Auch Löb Strauss (1829 - 1902) war ein deutscher Landjude. Im fränkischen Buttenheim geboren, wanderte er mit 18 Jahren nach Amerika aus, um dort sein Glück zu machen. Er nannte sich Levi Strauss und wurde als Erfinder der Jeans weltberühmt.

Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt - ein Originalschauplatz.

Rosenthaler Str. 39: Eine Schulklasse betritt das Gebäude und steht mitten in der Geschichte. Hier, in der Blindenwerkstatt Otto Weidt , arbeiteten in der Zeit des Nationalsozialismus Gehörlose und Blinde unter dem Schutz des Kleinfabrikanten Weidt, der in seinem Betrieb Besen und Bürsten herstellen ließ. Die Werkstätte war oft die letzte Zuflucht für die verfolgten Arbeiter und ihre Angehörigen. Otto Weidt besorgte für seine von der Deportation bedrohten Bürsteneinzieher Nahrungsmittel und falsche Papiere. 1942 gelang es ihm, die verhafteten Abeiter aus dem Sammellager zurückzubringen.
Er versteckte mehrere Menschen in dem im Originalzustand erhalten gebliebenen Hinterraum der Werkstatt sowie an anderen Orten, und verhalf einer Angestellten zur Flucht aus dem KZ Christianstadt.
Die Schüler gehen durch die drei Ausstellungsräume vorbei an persönlichen Dokumenten wie Briefen, Gedichten und Fotografien und sicher stellen sich viele vor, wie es war, in ständiger Angst vor dem Grauen der Deportation zu leben, permanent verfolgt gewesen zu sein. Vielleicht bewundern die jungen Menschen von heute den Mut der Verzweifelten von damals, wie sie immer wieder versuchten, ihren Verfolgern zu entkommen. Oder sie staunen über die riskanten und unermüdlichen Hilfeleistungen des Otto Weidt, für den Zivilcourage nicht nur eine Floskel war.

Seit Januar 2001 gehört das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt als Dependance zur Stiftung Jüdisches Museum Berlin und bietet unter anderem Führungen für Schulklassen ab der vierten Jahrgangsstufe an. Zusammen mit den Schülerinnen und Schülern werden die Geschehnisse in der Werkstatt und die präsentierten Biografien besprochen. Die Authentizität dieses Ortes eröffnet die Möglichkeit, die Geschichte der Blindenwerkstatt erfahrbar zu machen. Die Führung wird durch einen Stadtrundgang in der näheren Umgebung ergänzt, um so weitere Orte kennenzulernen, die direkt mit der Geschichte der Blindenwerkstatt verbunden sind, wie etwa der Ort des ehemaligen Sammellagers in der Großen Hamburger Straße.
Seit seiner Gründung bietet das Museum verschiedene Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an, darunter Lesungen, Vorträge, Theater und Zeitzeugengespräche. Letztere finden in der Reihe 'Der Angst zum Trotz' in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin statt.

Das Jahr 2003 steht ganz im Zeichen der Überarbeitung der Ausstellung, die zum fünften Geburtstag des Museums Blindenwerkstatt am 4. März 2004 eröffnet werden soll.
Da die Zeitzeugen in einiger Zeit nicht mehr unter uns weilen werden, ergeben sich für die pädagogische Arbeit im Museum neue Anforderungen. Auf diese legen wir verstärkt unser Augenmerk, um neue Konzepte zu entwickeln, die es auch ohne die Präsenz von Zeitzeugen ermöglichen, gerade zu der jungen Generation einen Anknüpfungspunkt zu diesem Teil der deutsch-jüdischen Geschichte zu finden.

Besuchererfahrung - Für das gute Gefühl im Bauch.

Museum ist Kultur und Dienstleistung.

Welche Eindrücke soll der Besucher des Jüdischen Museums mit nach Hause nehmen? Wie soll seine Erinnerung an dieses Haus sein? Wir sind der Überzeugung, dass durchweg positive Besuchererfahrungen nicht allein durch den kulturellen Aspekt eines Museumsbesuch bestimmt werden, sondern auch durch angenehme Erfahrungen im Bereich der Dienstleistungen. Daher haben wir in der Entwicklungsphase große Sorgfalt auf Gastronomie, Toiletten, Wickelräume, die Bereitstellung von Rollstühlen, angemessene Sitzgelegenheiten, Ruhe- und Gesprächsbereiche und dergleichen verwandt.
Doch kein Museum, so hervorragend der Besucherservice auch sein mag, kann ohne hochwertige intellektuelle Inhalte seinen Stellenwert behaupten. Natürlich sind die wissenschaftlichen Mitarbeiter für die Aussagen des Museums verantwortlich. Aber: Wie wird sich das Museum anhören? Und: Wen soll es ansprechen? Auch dies sind Fragen, die die Besuchererfahrung betreffen. Der Museumsplanung lag das Ziel zugrunde, die Inhalte für alle Besucher so attraktiv wie nur möglich zu gestalten, unabhängig von ihrem Vorwissen. Daher nutzt die Ausstellung ein breites Spektrum von Präsentationsformen. Interaktive Computerinstallationen, ihrem Wesen nach spielerisch, finden sich neben herkömmlichen Museumsvitrinen; Besucher werden dazu aufgefordert, ihre Meinung mitzuteilen, statt nur wissenschaftlichen Ausführungen zu folgen, und so weiter.

Der eigene Stil ist gefunden.

Die konkrete Darstellung wurde ebenfalls eingehend erwogen - Höhe und Beleuchtung der Informationstexte, Schriftgröße und -lesbarkeit, Textlänge und insbesondere der Ton des Textes. Auf jeden Fall wollte das Museum einen Ton finden, der Besucher mit wenigen oder gar keinen Vorkenntnissen einbezieht. All diese Aspekte wurden, soweit möglich, an Repräsentanten verschiedener Besuchergruppen getestet; diese Tests führten zu Kursänderungen und der Entwicklung eines ganz eigenen Stils des Hauses, der allgemeinverständlich und informativ ist und das Erzählen von Geschichten betont. Die spezifischen Bedürfnisse des potenziellen Museumspublikums wurden durch Tests ermittelt. Ein besonderes Augenmerk galt dabei dem 'generationenübergreifenden' Familienpublikum, welches das Museum anzuziehen hofft. Teile der Geschichte, die das Museum zu behandeln hat, müssen Kindern mit Bedacht nahe gebracht werden. Auch verlangt die Geschichte, dass ihr Zeit eingeräumt wird - doch, wie Eltern wissen, wird die Dauer des Museumsbesuchs nicht von den Eltern, sondern von Kindern bestimmt. Daher hat das Haus eine Reihe von Ausstellungselementen entwickelt, die Kinder besonders faszinieren und zugleich den Eltern die Entscheidung überlassen, ob sie sich jenen Abschnitten des Museums zuwenden wollen, die dem Holocaust gewidmet sind.

Der Mensch macht den Unterschied.

Doch eine wirklich überragende Besuchererfahrung ist nur durch die Betonung der 'menschlichen Note' zu erreichen. In herkömmlichen Museen stellen Kassierer und Sicherheitspersonal häufig die einzige menschliche Verbindung zwischen der Institution und den Besuchern dar. Das Jüdische Museum hat besonderes Gewicht auf die Frage gelegt, wie die öffentlichen Räume des Hauses zu besetzen seien, und entschied sich für eine neue Form der Ansprechpartner: unser Besucherservice. So gibt es in allen Ausstellungsräumen des Jüdischen Museums Mitarbeiter, deren Hauptaufgabe darin besteht, den Besuch angenehmer zu gestalten. Die Mitarbeiter des Besucherservices sind zwar auch als Aufsichten eingesetzt und um Eintrittskarten abzureißen und die Garderobe entgegenzunehmen, aber in erster Linie bieten sie dort Unterstützung, wo sie benötigt wird: Sie helfen den Besuchern, sich in den häufig verzweigten Gängen des Museums zurechtzufinden, und, wo immer es möglich ist, tragen sie zu einem besseren Verständnis dessen bei, was das Museum zeigt. Bei der Entwicklung des Museums war es uns besonders wichtig, dass die Besucher sich willkommen fühlen mögen. Ein Scheitern des Unternehmens erschien vorprogrammiert, hätte das Museum die Besucher angeklagt oder deprimiert. Wir schufen eine einladende Atmosphäre für die Besucher, ohne jedoch die düsteren Seiten der Geschichte herunterzuspielen.

Das Feedback der Besucher.

Nach Eröffnung des Museums wurden einige Dinge deutlich.
Zunächst einmal war unser Besucherservice genau das, was die Besucher brauchten. Viele von ihnen bemerkten anerkennend, wie sehr diese Ansprechpartner das Besuchserlebnis zu steigern vermochten. Dies ging aus den Besucherbefragungen hervor, in der unser Besucherservice zu den am häufigsten genannten Pluspunkten gehört.
Als Zweites lernten wir, dass den Besuchern eine klare Orientierung innerhalb des Museums fehlte. Zuweilen waren sie sich nicht sicher, wo im Gebäude sie sich gerade befanden, welchen Zeitabschnitt oder welches Thema die Ausstellungen gerade behandelten. Um dieser Desorientierung entgegenzuwirken, wurde auf dem Boden der Ausstellung eine 'rote Linie' gezogen, außerdem wurden das Leitsystem und die Museumskarten überarbeitetet.

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